Berührungen – gar nicht so selbstverständlich

„Let’s keep in touch!“ In einer Zeit, in der Berührungen ihre Selbstverständlichkeit weitgehend verloren haben, wäre das ein schönes Motto, nicht nur in Intimbeziehungen, sondern generell.unter Menschen, die sich mögen.  Denn je sexualisierter eine Gesellschaft ist, desto komplizierter wird das Thema Berührung. Was ganz simpel tönt, ist zur Mangelware geworden. Gerade in der nordwestlichen Hemisphäre grassiert eine Berührungsarmmut, die erschreckend ist. Wenn ein Mann einen anderen herzlich umarmt und küsst, wird er schnell mal schräg angeschaut, denn auch die Homophobie ist omnipräsent.

Die Rarität einer ehrlichen Umarmung

Angebote wie Kuschelparties zeigen ein unterbewirtschaftetes Bedürfnis: heute müssen sich Menschen offensichtlich outen, wenn sie zu Berührungen kommen wollen und sind gezwungen, Gleichgesinnte anhand solcher Angebote ausfindig machen. So könnte man nicht nur bestätigen, dass Menschen „oversexed and underfucked“ sind sondern auch: dass es vielleicht fast einfacher ist, einen Sexpartner zu finden als Nähe, die im ganzen Umfang und mit allen Schattierungen zugelassen wird. Denn eine lange Umarmung ist manchmal um einiges intimer, als schneller Sex. Die Angst, dass etwas zu nah, zu viel oder zu physisch sein könnte, wurde aufgrund des Themas rund um sexuelle Übergriffe noch zusätzlich verstärkt.

Vieles ist käuflich, aber nicht alles

Wenn Menschen „free hugs“ auf der Strasse anbieten, zeigt sich, dass in einer Welt, in der vieles käuflich ist, Berührung unter Menschen letztlich auch freiwillig und kostenlos ausgetauscht werden soll. Der homo sapiens macht eben nicht wie Hunde einfach mal schnell mit einem bislang fremden Artgenossen ein kleines Wettrennen und beginnt ein physisches Spiel, nachdem kurz das Hinterteil beschnuppert wurde.

Die Angst vor Berührung wird, geprägt von Prüderie, oft ganz früh anerzogen und ist Teil der Sozialisierung. Das bedeutet: einen anderen Umgang mit Berührung als einen unbewussten kann man sich nur aneignen, indem man das Thema bewusst anschaut und auch angeht. Die Übervorsicht der Stadtneurotiker führt zur Einsamkeit von unzähligen Menschen. Die Gehässigkeit in der Anonymität von Kommentarspalten zeugt von dem, was passiert, wenn Menschen in allzu grosser Distanz miteinander kommunizieren. Umgekehrt kann eine Nähe, die durch Berührung ganz einfach erhöht werden kann, nur im Direktkontakt zustande kommen. Die Kunst besteht wohl darin, das angemessene Mass an Nähe zu kultivieren, ohne übergriffig zu sein und mit der nötigen Vorsicht bei jenen Menschen, die Verletzungen aufgrund von Überschreitungen mit sich herum tragen. Ein Zuviel kann genauso schädlich sein, wie ein Zuwenig. Manchmal brauchts eine kleine Überwindung der eigenen Hemmung, aber wenn wir die anderen dann berühren und umarmen, ergeht es uns womöglich wie dem König Snarco im Kinderbuch „Tschippo“ von Franz Hohler, der immer mehr auf den Geschmack kommt und am Ende fast nicht mehr genug Umarmungen bekommen kann, was ihn aus seinem bleiernen Schlaf aufweckt.

Diesen Blog habe ich in leicht abgeänderter Form für Plusherz geschrieben.

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