Hysterektomie: Abschied nehmen

«Es sind die dankbarsten Tiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem Leben wieder halb zugewendeten Genesenden» (Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches).

Die Hystera hat ja eine lange interessante Geschichte. Viel wurde gerätselt über das geheimnisvolle Organ im Körper des ebenso grossen Rätsels Frau und die Lust der Frau wurde als Hysterie diagnostiziert oder pathologisiert – in der Verfilmung „In guten Händen“ witzig dargestellt. Hippokrates (um 460 – 370 v. Chr.), Vater der modernen Medizin, nahm an, dass die Gebärmutter im Leib der Frau umherwanderte, bisweilen bis zum Gehirn, was dann das typische hysterische Verhalten auslösen würde. Dass die Gebärmutter (im doppelten Wortsinn) etwas Zwiespältiges hat, dürfte also bekannt sein. Dieser Problematik geht Luce Irigaray in „Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts“ (1974) nach, indem sie das Höhlengleichnis von Platon als hilflosen Versuch des männlichen Subjekts liest, seine eigene Geburtlichkeit zu verdrängen und so quasi der Hystera – einer Höhle voller Trugbilder – zu entkommen. Ein Unternehmen, das natürlich scheitern muss. Was als philosophische Reflexion dargelegt wird, gleicht somit gerade einem Vertuschungsversuch.

Vor bald einer Woche ereilte mich das Schicksal, das ich mit vielen Frauen teile, auch wenn auffallend wenig öffentlich darüber gesprochen oder geschrieben wird: meine Gebärmutter wurde entfernt. Grund dafür war ein riesiges Myom, (eine Wucherung der Muskelschicht), das mittlerweile fast Grapefruitgrösse erreicht hatte und drückte und störte. Solche Myome sind ziemlich verbreitet, nur stören sie nicht immer so, weil sie oft kleiner bleiben und unbemerkt die Hystera besiedeln. Wieso sie wachsen, ist nicht ganz klar, wie bei vielem, was Körper so tun oder zu tun verweigern. Nun bin ich also womöglich keine Hysterikerin mehr…

Mir fiel auf, wie wenig Rituale es in unserer schulmedizinischen Welt gibt. So fragte ich vor der OP den Arzt, ob es möglich wäre, dass ich mich noch vom Uterus verabschiede, bevor sie den verpacken und versenden, schliesslich hat er mir gute Dienste erwiesen und meine beiden Kinder hatten dort ihren Ankunftsort, in dieser seltsamen Welt. Da wurde ich schon etwas schräg angeschaut und es hiess, dass sei völlig unmöglich, aus hygienischen Gründen. Nun lag ich aber schon auf dem Schragen und Narkosemittel strömten in mich, sodass ein Kampf um den Uterus keine gute Option schien. Ich bemerkte noch, ob es in dem Fall so sei, dass mir der Uterus, sobald er nicht mehr in mir sei, nicht mehr gehöre? Das wurde mir indirekt bestätigt!

Nun werde ich einen eigenen Abschied vom Uterus gestalten. Er wird nicht mehr dabei sein können, aber symbolisch wird es bestimmt etwas geben, das ihn verkörpern kann. Er soll ja birnförmig gewesen sein. Ich werde ein Feuer anzünden im Garten und werde dem Uterus den Abschied gewähren, den er verdient hat, denn die Spitalvariante mit der stillen hygienischen Entsorgung finde ich etwas zu wenig stilvoll. Und vielleicht sollte ich abgesehen davon auch das Myom nachbilden und einen sehr schweren Hammer nehmen und das tun, was ich in der Phantasie oft getan hatte: den Plaggeist kurz und klein hauen!

Leben wir nicht in einer Welt, in der vieles zu schnell und zu unsichtbar verschwindet? In unserer Welt geht’s vor allem darum, Krankheit zum Verschwinden zu bringen. Und wenn das nicht gelingt, dann verschwindet der Mensch, aber das bleibt eher unsichtbar, diskret. Man sieht im Spital eine Kapelle, man darf ankreuzen, ob man im Ernstfall einen katholischen oder protestantischen Pfarrer haben möchte. Ich möchte beides nicht. Ich hätte gern ein Kästlein auf dem steht: Schamane. Denn Schamanen sind die einzigen, die ich für fähig halte, Menschen in den Tod begleiten zu können.  Ich bin jetzt 48 Jahre alt und habe noch nie einen toten Menschen gesehen. Erst wenn der Tod sichtbar sein darf, werden wir etwas gelassener, auch im Umgang mit unangenehmen Viren und anderen bedrohlichen Szenarien. Vielleicht ist es letztlich das demokratischste Prinzip auf dieser Welt, das wirklich alle betrifft: wir alle sterben eines Tages, soviel ist todsicher!

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