Slowsex als Gegenbewegung zu Leistungssex?

Diesen Text hielt ich als Referat an der bereichernden interdisziplinären Konferenz „Verkörperte Musse. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Körper, Leib und Musse“ in Freiburg.

Im Folgenden möchte ich ein paar Fragen nachgehen, die ich im Zusammenhang mit Musse und Sexualität besonders interessant finde:

  1. Wie sind Sexualität und Bewusstsein überhaupt verknüpft?
  2. Welche Bedeutung hat der Orgasmus in Bezug auf unser Sex- und Triebleben?
  3. Können wir unser sexuelles Verhalten aufgrund von Einsichten einfach ändern?  
  4. Muss Musse zwangsläufig mit Langsamkeit und Bewusstheit einhergehen, wie das vom Konzept des „Slowsex“ vorgeschlagen wird oder wären noch andere Möglichkeiten für Musse in Bezug auf Sexualität denkbar?

 

  1. Erst gehe ich nun auf den Zusammenhang von Sexualität und Bewusstsein ein:

 Wie die Geschichte zeigt, ist das Erleben sexueller Triebe oder sexueller Gelüste eine historisch geprägte Angelegenheit. Die Hysterie gilt als die älteste aller beschriebenen psychischen Störungen. In den antiken Beschreibungen der Hysterie, festgehalten etwa bei Platon (im Dialog Timaios, 91 a–d), wird die Ursache der (im Corpus Hippocraticum pniges hysterikai) Krankheit in der „erkrankten“ Gebärmutter gesehen. So ging man unter anderem davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen (Sperma) gefüttert werde, im Körper umherschweife, in gewissen Fällen sogar bis zum Herzen aufsteige und sich am Gehirn festbeisse. So wurde nebst weiteren Krankheitssymptomen das typisch „hysterische“ Verhalten erklärt.

Dieser Vorstellung entsprechend galten noch im frühen 20. Jahrhundert unter anderem der Rat, unverheiratete Hysterikerinnen zu verheiraten oder die Patientin zum hysterischen Paroxysmus, sprich zum Orgasmus, zu bringen und sie dadurch zu „beruhigen“ respektive durch regelmäßigen Geschlechtsverkehr Schmerzen zu lindern. Man überlege einmal, was diese Auffassung für eine Auswirkung auf das Erleben von sexueller Lust gehabt haben muss! Anfangs wurde den Patientinnen von den behandelnden Ärzten mit manuellen Massagen des Genitalbereichs zur Entspannung verholfen, später wurden verschiedene mechanische Möglichkeiten wie der Vibrator entwickelt. Hollywood hat sich dem Thema im 2011 veröffentlichten Film „Hysteria“ oder in Deutsch „In guten Händen“ angenommen. Heute lachen wir darüber, aber im Grunde ist das eine ernste Angelegenheit, denn genauso geprägt sind wir auch heute von Vorstellungen, nur sind sie nicht mehr gleich wie damals. So wurde früher die sexuelle Lust der Frauen als krankhaft diagnostiziert und der Orgasmus als notwendiges Heilmittel für einen krankhaften Zustand betrachtet. Im Pornozeitalter wird die sexuelle Lust aller Menschen als etwas dargestellt, das möglichst immer da sein soll und Orgasmen sollen nicht mehr vom Übel der Lust befreien sondern diese eher beweisen und in möglichst grosser Wiederholung neu aufleben lassen. Heute ist es insofern fast eher so, dass eine Person, die KEINE sexuelle Lust verspürt, pathologisiert wird. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Menschen, die sich als asexuell outen und darauf aufmerksam machen, dass es in Diskussionen nur ständig um die Vielfalt der sexuellen Orientierungen geht, wobei Asexualität komplett ausserhalb des zur Diskussion stehenden Rahmens liegt. Die Beschäftigung mit dem Phänomen Asexualität kann verdeutlichen, wie sexualisiert das heutige Menschenbild ist.

 In der westlichen kapitalistischen Gesellschaft ist alles vom Leistungsdenken geprägt: auch das Sexualleben. Im digitalen Zeitalter ist der Fokus darauf gerichtet, den bestmöglichen Partner oder die bestmögliche Partnerin zu finden, was dazu führt, dass viele Menschen auf der ständigen Suche nach einem super Konglomerat online am suchen sind: alle positiven Eigenschaften, die sie sich vorstellen können, sollten in einer Super-Person vereint sein, was in der Realität natürlich unmöglich zu finden ist. (Sehr schön dargestellt in: Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe) Anstatt diese Ansprüche zu hinterfragen, geht die Entwicklung eher in die Richtung, dass die Industrie an der Kreation von Sexrobotern arbeitet, die keinerlei Irritation oder keinen Hang zu Eigenartigkeiten gewährleisten sollen. Heutige Beziehungen beginnen jedoch bislang  meistens noch sexuell. Dies hat die Soziologin Eva Illouz, die sich seit vielen Jahren zentral mit Liebesbeziehungen beschäftigt, in ihrem Buch „Warum Liebe endet“ sehr genau herausgearbeitet. So wird der Sex zu einem wesentlichen Kriterium, wenn es um die Bildung von neuen Beziehungen geht. Während noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein Sex vor der Ehe in Zentraleuropa ein Tabu war und insofern andere Kriterien bei der Partnerwahl ausschlaggebend waren – etwa ökonomische oder schichtspezifische Kriterien, wurde Sex mehr und mehr zu einem zentralen Moment im ersten Beziehungsaufbau.

 Der Einfluss der Pornografie auf die gelebte Sexualität ist nicht mehr wegzudenken. Ich möchte Pornografie hier nicht einfach als rein problematischen Einfluss werten. Tatsache ist aber, dass in der Mainstreampornografie das was wir sehen können, unter dem Aspekt des Leistungssexes gelesen werden kann: wir sehen unaufhörliche Orgasmen von unermüdlichen Protagonisten. Alles Menschliche, das daran erinnert, dass wir fragile unvollkommene Lebewesen sind, wird nicht gezeigt: so sieht man nicht, dass jemand einen Büstenhalter nicht öffnen kann, oder dass zwei Menschen plötzlich lachen müssen und den Sex nicht mehr ernst nehmen können. Niemand braucht eine Pinkelpause und die Kondomverpackung, die nur mit Mühe aufgerissen werden kann, ist auch kein Thema. Man sieht auch nicht, dass manchmal kein Orgasmus zustande kommt. Und vor allem sieht man keine Menschen, die nicht einmal das Ziel haben, einen Orgasmus zu produzieren.

Dies alles prägt unser Erleben in intimen Beziehungen oder Begegnungen. Wie oft wurden wohl schon Orgasmen vorgetäuscht, da sich Menschen lieber verstellten, als das peinliche Schweigen in Kauf zu nehmen, das entstehen kann, wenn zwei das Ziel hatten, einen Orgasmus zu erleben und dabei quasi scheiterten.

  1. Nun käme ich zur zweiten Frage, die mich interessiert, nämlich zur Bedeutung des Orgasmus in Bezug auf unser Triebleben.

 Welche Rolle Triebe für unsere Psyche spielen, ist eine psychoanalytisch umstrittene Frage. Interessant scheint mir die genaue Lektüre von Sigmund Freud’s anspruchsvollem Text „Triebe und Triebschicksale (1915). Er vergleicht darin den Trieb mit einem Reiz für das Psychische. Und dann präzisiert er folgendermassen: „Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine momentane Stosskraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. Da er nicht von aussen, sondern vom Körperinneren her angreift, kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heissen den Triebreiz besser „Bedürfnis“; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die „Befriedigung“. Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate) Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden.“ (S. 2) Freud zufolge hat die Unlustempfindung die Steigerung des Reizes zur Folge und die Lustempfindung deren Herabsetzung. Für ihn ist der Trieb ein Grenzbegriff zwischen Seelischem (wobei Seelisch als psychisch verstanden wurde) und Somatischem: der Trieb ist demnach das Mass der Arbeitsanforderung, die dem Psychischen infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist. Freud untersucht des Weiteren, welche verschiedenen Varianten möglich sind, er spricht hierbei von zielgehemmten Trieben, also solchen, die etwa eine Ablenkung erfahren. Eine weitere Möglichkeit wäre die Triebverschränkung oder eine besonders innige Bindung des Triebes an das Objekt, was in Freuds Jargon als Fixierung bezeichnet wird. Ganz grundsätzlich spricht er von Ich- und Selbsterhaltungstrieben und Sexualtrieben, wobei der eine auch dem anderen entgegengesetzt sein kann. In seinem späteren Text spielt der Destruktionstrieb eine ebenfalls grundsätzliche Rolle:

Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen, – wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle mit bewußter Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität, – und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen. Sie sehen, das ist eigentlich nur die theoretische Verklärung des weltbekannten Gegensatzes von Lieben und Hassen, der vielleicht zu der Polarität von Anziehung und Abstoßung eine Urbeziehung unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine Rolle spielt. Nun lassen Sie uns nicht zu rasch mit den Wertungen von Gut und Böse einsetzen. Der eine dieser Triebe ist ebenso unerläßlich wie der andere, aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens hervor. (Aus Sigmund Freud (1933b): Warum Krieg? GW XVI: 20)

Wieso interessieren mich nun aber diese Details im Zusammenhang mit Musse, Slowsex und Sexualität? Für mich muss die Frage geklärt werden, welche Auswirkungen es denn haben kann, wenn der Orgasmus nicht mehr zum Ziel des Sexes erklärt wird. Und ich schlage vor, nicht davon auszugehen, dass es überhaupt DEN Orgasmus gibt, so wie es auch nicht DIE Vagina, DEN Penis, DIE Klitoris und so weiter gibt. Ich verzichte aufgrund der zeitlichen Begrenztheit darauf, geschlechtsspezifische Unterschiede im orgasmischen Erleben herauszuarbeiten. 

Ich stimme Freud grundsätzlich zu, dass wir Menschen getriebene Lebewesen sind. Wären wir allein vom Logos, oder Verstand geleitet, sähe diese Welt komplett anders aus. Was wir wissen, kann womöglich aus eigener Erfahrung hergeleitet werden: es macht einen Unterschied, ob ein Orgasmus zustande kommt oder nicht. Dies muss jedoch zunächst nicht gewertet werden. Vielleicht können wir das Phänomen unter einem energetischen Gesichtspunkt anschauen: man spricht nicht umsonst von Entladung. Wenn diese nicht stattfindet, verteilt sich die Energie anderweitig, sie löst sich nicht auf. So würde ich festhalten: Es ist nicht einfach egal, ob ein Orgasmus zustande kommt oder nicht, aber dieser Unterschied muss nicht positiv oder negativ bewertet werden, das ist dann eine kulturelle Angelegenheit oder auch eine individuelle: vielleicht fühlt sich jemand besonders wohl, nach orgasmischer Sexualität und jemand anderes sehr unwohl, das hängt auch wieder von jeder einzelnen Biografie und von der Prägung durch die jeweilige Sozialisierung ab und – wenn wir Freud berücksichtigen  – hängt das auch von den komplexen verschiedenen Möglichkeiten, getrieben zu sein, ab. Ausserdem ist jedes sexuelle Erlebnis wieder unterschiedlich, so wie sich Menschen auch physisch jeden Tag wieder ein wenig anders fühlen können.

  1. Können wir unser sexuelles Verhalten aufgrund von Einsichten einfach ändern?  

Meiner Meinung nach erfordert eine Änderung im Sexualleben eine gewisse Arbeit und eine Offenheit, denn bisweilen können solche Änderungen auch Frustrationen auslösen. Manchmal wird ausserdem ein Erlebnis, das erhofft oder gewünscht wird, unmöglich sein und bleiben. Zudem haben wir gerade im Bereich der Sexualität den unbewussten Anteil als dominanten Einfluss, was eine wesentliche Beschränkung darstellt. Doch Veränderungen sind auch möglich: so schlildert Dania Schiftan in ihrem Buch “Coming soon”, das sich insbesondere dem weiblichen Orgasmus widmet, wie es manchmal erst eine Phase von Frustration geben kann, wenn nicht mehr wie für viele Frauen gewohnt, ein Orgasmus durch die klitorale Stimulation angestrebt wird. Denn wenn diesbezüglich viel mehr Übung, Gewohnheit und auch mentale Verknüpfung eintrainiert wurde, kann es erst mal schwierig sein, über die Stimulation der G-Fläche oder anale Stimulation einen Höhepunkt zu erreichen. Aber wenn diese Änderung im Verhalten gar nicht erst angegangen wird, kann sich auch nichts ändern. So ähnlich würde ich den Wechsel von orgasmuskonzentrierter Sexualität zu einer anderen darlegen. Insbesondere bei eingespielten Sexualpartnerschaften gibt es, wenn ein Weg zur beidseitigen oder allseitigen Befriedigung gefunden wurde, sehr oft ein gewisses Wiederholungsverhalten. Dies zu verlassen, ist ein bewusster Akt, der nicht ohne gemeinsames Gespräch und ohne Bewusstsein möglich sein wird. Gewohnheiten zu verlassen, ist also nicht immer zunächst mit einem Lustgewinn verknüpft und dies ist natürlich gerade im Bereich Sexualität ein wichtiges Detail. Nun käme ich bereits zum letzten Punkt:

  1. Muss Musse zwangsläufig mit Langsamkeit und Bewusstheit einhergehen, wie das vom Konzept des „Slowsex“ vorgeschlagen wird oder wären noch andere Möglichkeiten für Musse in Bezug auf Sexualität denkbar?

Wie es oft bei gesellschaftlichen einseitigen Entwicklungen ist, gibt es mittlerweile auch zum Leistungssex eine Gegenbewegung: solche Strömungen finden wir etwa im Neotantra oder auch unter dem Stichwort „Slowsex“. Gemein ist diesen Angeboten und Anweisungen, dass der heilsame Aspekt von Sexualität betont wird und dass Sex und Massage sowie ein hohes Bewusstsein für die Wichtigkeit des Atmens nicht getrennt werden. Ausserdem wird eben nicht auf einen Orgasmus hingearbeitet, wie das in weniger kultivierten oder bewussten Sexpraktiken oft der Fall ist. So gibt es mehr Raum, um emotional echt berührt zu werden und nicht auf einer Schnellspur einem Ziel entgegen zu rasen, das dann auch gleich wieder vorbei und vergessen ist. Manche dieser Techniken werden ganz unabhängig von romantischen Konzepten praktiziert, andere bleiben solchen und auch heteronormativen Vorstellungen verhaftet.

So kreierte etwa Diana Richardson ein grosses Angebot in Form von Büchern und DVD’s und bietet auch Kurse an, die einen tieferen Einblick in Slow Sex ermöglichen. Wie sie betont, beeinflussen das beschleunigte Lebenstempo sowie die sichtbare Inszenierung von Sexualität den konkreten Sex, die Zweisamkeit und Liebe. Darum konkretisiert sie: „Slow Sex ist bewusster Sex“ und plädiert für die Verlangsamung für ein erfüllendes Sexualleben. Bei ihr wird Sexualität letztlich zum spirituellen Akt, der uns mit dem Göttlichen verbindet. Ich würde sagen, das ist eine mögliche Anschauungsweise, aber unter Musse und Sex kann ich mir eine gelebte Sexualität vorstellen, die nicht zwingend spirituell begründet sein muss. Schliesslich gibt es viele Menschen, die keinerlei Zugang zur Idee eines Göttlichen haben, die aber durchaus offen wären für ein neues Sexualitätsbewusstsein, wenn es ihnen über Bilder zugänglich gemacht wird, die sie nachvollziehen können. Wo ich Diana Richardson aber zustimme, ist die Tatsache, dass ein anstrengender Weg zum Orgas-Muss naheliegendermassen keine energetisch erbauliche Sache ist. Sie präzisiert das so: “Muss sie (die Frau) aber für einen Orgasmus hart “arbeiten” und sich anstrengen, verliert sie an Präsenz, und wird abwesend sein, weil sie sich auf das Ziel konzentriert.(…) Die körperliche Spannung, die sich aufbaut, löst sich zwar zu einem kleinen Teil im Orgasmus, die restliche Spannung aber bleibt im energetischen System der Frau hängen. Die Spannungen können sich später negativ auswirken: entweder auf der körperlichen Ebene (etwa als Reizung der Vagina oder in Menstruationsbeschwerden) oder auf der emotionalen Ebene (Gefühle der Unsicherheit, der Ungeliebtseins, der Verlassenheit). Die Frau verliert – genau wie der Mann – viel Energie durch die Spannung, die durch die grosse Anstrengung hervorgerufen wird.

Ich behaupte, dass das Ich viel mehr im Zentrum steht, wenn es um die Erlangung des Orgasmus und um Entladung geht und wenn dem nicht mehr so ist, gibt es mehr Platz fürs Gegenüber, für Eros, für Entfaltung oder für die anderen Beteiligten, wenn mehr als Zwei im Spiel sind. Und dies hat lediglich mit Bewusstsein und damit verknüpftem Handeln zu tun.

Dann käme ich zur Frage, ob Langsamkeit überhaupt zwingend Teil der Musse sein muss. Wenn wir mit Musse ein Handeln annehmen, das nicht zielorientiert, im Falle von Sexualität also nicht orgasmusfixiert ist, könnte man aus meiner Sicht auch die Langsamkeit als etwas beschreiben, das vielleicht entstehen kann (denn es gibt ja eben kein Ziel zu erreichen), aber auch nicht zwingend entstehen muss. Wir können hier auch weiter fragen: ist mit Langsamkeit ein Verweilen gemeint? Oder langsame Bewegungen? Vielleicht kommt es zu einer Dynamik, die ganz bewusst, intensiv und sehr bewegt ist. So wie ich sagen würde: auch wenn der Orgasmus als Ziel wegfällt, kann es doch geschehen, dass die Lust auf einen Orgasmus entsteht oder dass es dazu kommt, dass jemand einen Orgasmus hat. Aber da dies nicht zum Hauptziel erklärt wird, gibt es viel mehr Platz für alle Lust, die entstehen kann, in der Berührung und im Spiel. Vielleicht wird man sich ganz auf den Genuss des Gegenübers konzentrieren oder man wird eigene erogene Zonen entdecken, die in der Konzentration auf den Orgasmus gar nicht beachtet worden wären. Denn wenn man nur spürt und alle Erfahrung vergisst, würde ich auch in diesem Zusammenhang von Leiberfahrung sprechen und weniger von körperlichen Aktionen und Reaktionen. Leib passt hier besser als Begriff, da auch das Bewusstsein einbezogen ist, während man einen Körper einfach hat. In diesem Sinne wird Musse in der Sexualität – oder mehr noch im Eros – zur Erfahrung unter im besten Sinne des Wortes Leibeigenen. Dies schliesst also die Möglichkeit von Orgasmen nicht aus, räumt aber dem Bewusstsein einen wichtigeren Stellenwert ein. Um diese Möglichkeit zu entfalten, braucht es wohl meistens Vorarbeit, nämlich, das Verlassen eingespielter und eingepflanzter Pfade. Die Loslösung von gelernten Konzepten. Wobei ich nun wieder eine Sexualität skizziert habe, die auf Lust abzielt, einfach nicht mehr zwingend auf orgasmische Lust. Vielleicht könnte man hier nochmals ansetzen und noch radikaler werden: wenn auch nicht mehr die Lust und der Genuss die dominierenden Ziele der gelebten Sexualität sind, kann womöglich noch mehr Musse entfaltet werden. Dann steht einfach die Begegnung im Vordergrund, die Sexualität nicht ausschliesst und alles, was sonst zum Menschsein gehört auch nicht: Freude, Trauer, Verbindung, Einsamkeit, Verlorenheit, Sinnlichkeit, mit anderen Worten: sich einlassen, auf alles, was entsteht und da ist. Denn sonst bauen wir aus der Musse im Zusammenhang mit Sexualität wieder ein Muss, nämlich wo vorher der Orgasmus zum Orgas-Muss wurde, würde nun die Musse als Ersatz für ein neues Müssen implementiert, das auch wieder zum höchsten Genuss führen soll. Somit hätten wir ein neues starres Konzept gebastelt, das dem transformativen Charakter menschlicher Beziehungen und Begegnungen nicht gerecht werden könnte. Letztlich bleibt vielleicht nur ein Plädoyer für die Offenheit, einem oder auch mehreren Anderen, als fragile und eigenwillige Andere, tatsächlich zu begegnen, sexuell, erotisch oder auch keines von beiden.

 Literatur:

Barbara Carrellas: Alltägliche Ekstase. Tantra-Rituale für alle Leidenschaften, 2011.
Sigmund Freud: Triebe und Triebschicksale (1915).
Sigmund Freud: Warum Krieg? (1933)
Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe, 2012.
Eva Illouz: Warum Liebe endet, 2018.
Diana Richardson: Slow Sex. Wie Sex glücklich macht. Der neue Stil des Liebens, 2012.
Dania Schiftan: Coming soon, 2018.

Beitragsbild: Aus dem Film „Hysteria“.

 

 

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