Spannung und Entspannung in Beziehungen

Welche Rolle spielen eigentlich Spannung und Entspannung in Beziehungen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach einem Singleleben oder Mehrfachbeziehungen und dem inneren, individuell unterschiedlich ausgeprägten Spannungsbogen?

Zu Beginn einer Beziehung, oder in einer Phase, in der man gar nicht sicher ist, ob überhaupt eine Beziehung zustande kommt, ist viel Spannung im Spiel. Das sogenannte Kribbeln im Bauch oder die Schmetterlinge haben genau damit zu tun. Kommt es dann zur Annäherung, ist die Intensität oftmals riesig, eine Mixtur aus aufgekochten Hormonen, Gefühlen, Gerüchen und dem grossen Wunsch, mal einen kurzen Moment vom Ich entlastet zu werden und sich in einem Gegenüber ein wenig zu verlieren; das führt zu richtigen Motivationsschüben. Die Folge davon mag sein, dass wir zu Wiederholungstätern werden: wie bei einer guten Droge möchte man das tolle Gefühl nochmals und nochmals haben. Vielleicht ziehen die Protagonisten bald schon zusammen. Anfangs haben sie viel Sex, es ist ein Rausch oder eine Trance, die eine Weile andauert. Aber Verliebtheit dauert nie ewig, soviel ist klar. Ein Freund sagte: „Wenn in einer Paarbeziehung beide anfangen, ungehemmt voreinander zu furzen, müssen sie sich langsam trennen.“

Welche Rolle spielt nun die Spannung? Da gibt’s sicher individuell grosse Unterschiede. Es scheint Menschen zu geben, die können jahrelang in einer Partnerschaft täglich gemeinsam ins Bett sinken, öfters laut furzen, und doch haben sie regelmässig Lust auf Sex miteinander. Offensichtlich gibt’s für sie einen genug grossen Kick, sodass die Libido im vorhandenen Setting überlebt. Manche Menschen empfinden es sogar so, dass durch die wachsende tiefere Liebe die Sexualität ebenfalls noch tiefer und befriedigender wird. Das ist vermutlich der romantische Idealfall. Für andere braucht’s viel mehr Spannung, damit überhaupt die Libido in Schwung kommt. Vielleicht genügt hierfür nur der Besuch bei einer Domina, die weiss, wie man Spannung bis zum Zerspringen erzeugt. Oder es gibt die heimlichen (oder unheimlichen) Liebschaften im Hintergrund, die das Spannungsgebilde aufrecht erhalten. Oder Leute eilen von Tinder-Date zu Tinder-Date und bilden sich jedesmal ein, eine super Beziehung zu finden, aber nach einer mittelmässigen Nacht wird weiter gewischt, weil die Hoffnung auf den noch perfekteren Match bislang nicht zum Erlahmen kam: das Interesse am Gegenüber jedoch schon.

Sex und Spannung stehen in sehr direktem Verhältnis zueinander. Ohne An- und Entspannung (auch ganz physisch gedacht) kommt vermutlich kein befriedigender Sex zustande. Darum wird Frauen empfohlen, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren, denn das An- und Entspannen derselben während des Sexes ist durchaus luststeigernd. Bei Männern führt fehlende Spannung dazu, dass sie sich verzweifelt Viagra einwerfen – nicht selten beeinflussen Porno-Vorstellungen von „gelungener Sexualität“ die unrealistisch hohen Erwartungen an ihre Potenz. Natürlich gibt’s auch Konzepte, die das auszuhebeln versuchen, etwa Slow Sex* und alles, das uns weglocken möchte vom Orgasmus als Ziel der sexuellen Befriedigung. Fakt ist aber, dass es gängiger ist, sich einen Porno reinzuziehen und dank der anregenden Bilder Bock auf Sex zu zweit (und selten mehr) oder auf Autoerotik zu bekommen. Und diese Anregung ist keine hochintellektuelle Angelegenheit, so wie auch die Story im Porno meist sehr dürftig ist und uns zweckmässig dorthin führt, wo es hingehen soll: nämlich zum Ficken in allen Positionen und Variationen. Der Porno hilft also, die nötige Lust oder Spannung zu erzeugen. Klar, es gibt auch Menschen, deren Phantasie so lebhaft ist, dass sie lieber auf diese Bilder verzichten und sich ihre eigenen Storys zusammenphantasieren.

Wie in früheren Blogs erwähnt, gibt es Menschen mit gröberen Bindungsproblematiken, und ich vermute, die sind nicht mal so selten heutzutage. Vielleicht haben sogar die meisten von uns eine gewisse Bindungshemmung, ganz nach Karl Valentins Einsicht: „Gar nicht krank ist auch nicht gesund.“ (Oder wie ein Freund von sich sagt: „Ich bin bindungsfähig, aber nicht bindungswillig!“) Malen wir uns Beziehungen unter Menschen aus, die völlig bindungsfähig sind, entsteht ein extrem symbiotisches Bild von Paaren: den einen gefällt es, andere bekommen davon Atemnot.

Ich könnte mir also vorstellen, dass nebst anderen komplexen Themen, die mit Bindungshemmung (man muss das ja nicht immer pathologisieren) einhergehen, auch die Spannung eine wichtige Rolle spielt: vermutlich brauchen Menschen, die sich in Symbiosen schnell unwohl fühlen und vielleicht auch die Tendenz zu Mehrfachbeziehungen haben, eine grössere Spannung, um libidinös in die Gänge zu kommen. In Mehrfachbeziehungen ist Spannung garantiert, denn diese Gebilde funktionieren selten reibungsfrei, und die Balance muss viel öfters neu austariert werden; dafür ist auch mehr Bewegung(sfreiheit) im Spiel und weniger die Beziehungskiller in Form von Credos wie: „Wir gehören nur uns und verbinden uns gegen den Rest der Welt.“ Die Kehrseite davon ist: es kommt seltener einfach zu Entspannung, was zwar wie erwähnt für die Libido vorteilhaft sein kann, aber allenfalls auch eine Daueranspannung- oder anstrengung provoziert.

*Empfehlenswert: Diana Richardson: Slow Sex. Zeit finden für die Liebe.

Podcast zu Diana Richardson (Zeit online): https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/entspannung-bett-slow-sex-achtsamkeit-sexpodcast

 

Kategorien Allgemein

1 Kommentar zu „Spannung und Entspannung in Beziehungen

  1. Der entscheidende Punkt bei dieser ganzen Thematik scheint mir das Spannungsfeld zwischen Monogamie und Polygamie zu sein. Treue ist ein hohes gesellschaftliches Ideal beinahe aller Gesellschaften, in der Realität gehen wir grossmehrheitlich fremd und wenn dies auch nur in der Fantasie stattfindet. Evolutionär betrachtet, drängt es uns zur Polygamie, praktisch alle Kulturen verpflichten jedoch Mann und Frau zur Treue. Wie gehen wir mit dieser Ambivalenz um? Welche „Lösungen“ bieten sich an?

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