Wie Liebe endet

Eva Illouz stellt in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Warum Liebe endet“ eine wichtige Frage, auf die sie auch viele Antworten gibt. Ergänzen könnte man ihre Frage mit der Präzision, wie denn genau Liebe endet.

Hierfür möchte ich ein Buch heranziehen, das in jedes Bücherregal gehört: „Fürze. Der ultimative Blähführer“ von Crai S. Bower. Das Buch ist nicht nur visuell illustriert sondern hat eine Tastatur, auf der auch akkustische Hörbeispiele von den verschiedenen Furzformen tonal inszeniert werden können. Dass wir es hier mit einer tiefgreifenden Wissenschaft, nämlich der Flatologie, zu tun haben, wird im Einleitungstext erwähnt. Scheinbar hat schon Descartes, dessen Lieblingsspeise Linsen mit Knoblauch und Ton war, geschrieben: „Ich furze, also bin ich.“ Der Satz wurde korrigiert und so brauchte es nochmals viele Jahre, bis endlich das ultimative Buch zustande kam – der Blähführer.

Dass die verschiedenen Furztypen einiges mit den verschiedenen Formen, die Liebe zu beenden, zu tun haben, möchte ich im Folgenden genauer darlegen.

 1. Der Erdbebenknaller
Erkennungsmerkmale*: gewaltige Kraft, vor dem Abschuss gern angesagt, fast ausschliesslich in männlichen Gruppen auftretend, etwa beim Katerfrühstücken.

Diese Form der Beendigung geschieht nicht verdrückt oder versteckt sondern gerade heraus. Denkbar wäre etwa ein angekündigtes Gespräch, in dem gründlich aufgeräumt wird, klar ist aber, dass das Ende der Liebe beschlossen ist, egal wie die Reaktion des Gegenübers ausfällt.

2. Der tödliche Stille
Erkennungsmerkmale: Nervöses Rutschen auf der Sitzgelegenheit, verstohlene Blicke.

Wer kennt es nicht: Plötzlich hört man kaum mehr etwas von der Liebe, die gerade daran ist zu enden. Vielleicht kommen erst noch Entschuldigungen und Ausflüchte wie: ich habe gerade wahnsinnig viel Arbeit, oder: ich bin nicht ganz fit. Dann wird’s stiller und stiller, bis die Stille unerträglich wird (sofern man sich freuen würde, wenns nicht still würde). Stellt man das Gegenüber zur Rede, kommt es zum nervösen Ausweichen. Viel erfahren wird man nicht. Hier könnte man vielleicht das Wort „beenden“ mit „versanden lassen“ ersetzen.

3. Der gepresste Gasling
Erkennungsmerkmale: Windgebeugte Tannen und geweitete Nasenflügel, längere Melodie als irgend eine andere Flatulenz, mit Ausnahme des Langen Abschieds (kommt später).

Manche Menschen haben einen Hang zu Monologen in allen Tonlagen: jemand möchte sehr genau erklären, warum die Liebe nicht mehr das ist, was gewünscht würde. Vermutlich ist einzig und allein das Gegenüber verantwortlich für das Unwohlsein, darum stinken die langen Erklärungen zum Himmel.

4. Der Rausrutscher
Erkennungsmerkmale: Variiert stark von Motorsägenanlassergeräuschen bis zu leisem Murmeln. Schreck, gefolgt von Ekel im Gesicht des Herausgebers.

Denkbar sind Situationen, in denen eine Formulierung verrät, dass eine Verwechslung mit Liebe stattgefunden hat. Vielleicht rutscht etwas raus, das eine Unwahrheit zutage fördert, was wiederum auf mangelndes Vertrauen hinweist oder auf den Umstand, dass man etwas zu verstecken hat. Daraus kann sich eine Katastrophe entwickeln, auch wenn vielleicht nur etwas Harmloses unterschlagen wurde, aber gerade die aufgeflogene Verheimlichung macht das Ganze höchst verdächtig. Hier gibt es sicher Beispiele von Lieben, die enden, obwohl sie noch eine längere Haltbarkeit verdient gehabt hätten.

5. Der Arschbacken-Bienenschwarm
Erkennungsmerkmale: Schrilles Stakkato durch eine verkrampfte Geburtsöffnung, durch den Druck einer mittleren Dampfmaschine hervorgerufen.

Eine Liebe zu beenden ist nicht einfach und die richtigen Worte hierfür zu finden, fast unmöglich. Denn verletzen möchte man ja eine Person, die man mal zu lieben glaubte, möglichst nicht. Also wird das Gespräch hinausgezögert und irgendwann hat sich dann doch so viel warme Luft angestaut, dass es kein Zurück mehr gibt. Am besten fängt man mal mit den Störgeräuschen an und dann wird sich das Gespräch lauter oder leiser langsam entfalten.

6. Der Fnob
Erkennungsmerkmale: allerfeinste Melodie, von Snobs bei Dinnerclubs oder Yachtclubs gerne ausgestossen. (Die Mischung aus Parfüm und verrotteter Gesellschaft lockt Geflüster, aber nie offene Kommentare).

Es gibt viele subtile Formen des Liebesendes. Offen, direkt und ehrlich wird nichts kommuniziert, sondern man lässt eher subtil durchsickern, dass eine Kursänderung ansteht. Das ganze ist in süssliche Worte gepackt, was aber nicht dazu führt, dass sie weniger weh tun, im Gegenteil.

7. Der Halb-und-halb
Erkennungsmerkmale: Klingt oft wie der Ausstoss einer dicklichen Flüssigkeit, ähnlich Ketchup aus einer Plastikflasche – der Geruch bleibt länger als dessen Produzent…

Dieses Ende könnte man mit „Shit happens“ umschreiben. Vielleicht war eine friedliche Lösung geplant und dann verselbständigt sich das Gespräch, die Gefühle werden unkontrollierbar und das Resultat ist so hässlich, dass auch keine Freundschaft mehr denkbar ist. Man wird sich fortan lieber aus dem Weg gehen und wird noch längere Zeit verfolgt von Erinnerungen, die man lieber nicht hätte.

8. Der schlafende Hund
Erkennungsmerkmale: Gerüchteweise ein gedämpftes Zischen, oder kaum wahrnehmbar.

Manchmal haben Beziehungen schon länger das Ablaufdatum überschritten, werden aber aus Gewohnheit oder Flegmatismus noch fortgeführt. Es gibt kein grosses Drama sondern eher eine verschlafene Stimmung; das Ganze kann sich über erstaunlich lange Zeit so hinziehen. Vielleicht folgt dann irgendwann aber doch noch ein grösserer Knall.

9. Der lange Abschied
Erkennungsmerkmale: Als eine der musikalischsten Äusserungen können die Produzierenden stundenlang „singen“.

Auch hier hat sich beziehungsweise so einiges angestaut und der Druck, endlich Luft abzulassen, ist unerträglich geworden. Da so lange so wenig kommuniziert wurde, stehen sehr lange Gespräche an. Vielleicht wird erst jetzt, da das Ende in Sicht ist, überhaupt ganz offen geredet, denn zu verlieren gibt es nun ja nichts mehr! Plötzlich werden ganz neue Aspekte sichtbar und wer weiss: bestenfalls kommen alle Beteiligten zum Schluss, dass ein Ende ganz positiv sein kann und erleichternd. Womöglich klärt sich nun auch, warum das gar nicht gut gehen konnte. Hier gibt es ein Potential für eine stabile gute Freundschaft, die erleichtert wurde von den riesigen Erwartungen an eine grosse Liebe.

10. Das Nachbeben
Erkennungsmerkmale: Kann recht laut auftreten und scheint aus dem Nichts zu kommen.

Manchmal enden Beziehungen ja auch recht unspektakulär. Niemand scheint gross zu leiden, ja, man muss sich fragen, wie tiefgründig die Beziehung eigentlich war, wenn erst mal so wenig Sturmböen zustande kamen. Und dann, aus heiterem Himmel, kommen doch plötzlich Gefühle auf: vielleicht gibt es einen kleinen Anlass: ein Foto wurde in den social media gepostet, das Eifersucht aufflammen lässt oder man riecht unerwartet im Tram den Geruch seines/ihres Parfums und erinnert sich wieder an die guten Anfangszeiten, die von Verliebtheit begleitet waren. Und da kommt das Gefühl der Leere und des Verlusts in voller Wucht über uns und füllt unser Innenleben mit Unruhe; nun stinkt uns die neue Situation und dass schon wieder etwas endete, bevor es richtig anfing.

Übrigens: bei meinem Buch ist die Batterie leer: meine Kinder haben wohl zu oft die verschiedenen Furztypen angehört. Ersetzen lässt sich die Batterie nicht. Echt schade!

*die Erkennungsmerkmale sind Zusammenfassungen aus besagtem Blähführer.

 

 

 

 

 

 

Kategorien Allgemein

1 Kommentar zu „Wie Liebe endet

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