Fortführende Gedanken zur Bindungsphobie

Sometimes I find I get to thinking of the past.
We swore to each other then that our love would surely last.
You kept right on loving, I went on a fast,
now I am too thin and your love is too vast.
But I know from your eyes
and I know from your smile
that tonight will be fine,
will be fine, will be fine, will be fine
for a while.

(aus Leonard Cohen: Tonight will be fine)

 Nach ein paar interessanten Gesprächen, die aufgrund des letzten Blogs über Bindungsphobiker zustande kamen, möchte ich hier meine Gedanken noch etwas erweitern und fortsetzen. Danke an alle, die zur Inspiration beigetragen haben!

Offensichtlich konnten meine Formulierungen so verstanden werden, dass ich ein Lob auf die gute alte Zweierkiste singen möchte oder dass ich unterstelle, das Label Polyamorie sei Schuld an Bindungsphobie und man müsse Bindungsphobiker möglichst aus der Welt verbannen. Das alles wäre aber Blödsinn!

Kleiner Exkurs über Bindungsphobie

Bindungsphobie ist meistens nicht bewusst. Es gibt verschiedene Formen, die man mit drei Typen grob skizzieren kann, natürlich ist das in der Realität nochmals viel komplexer: es gibt 1. die ängstlich anklammernden Typen: diese denken stets, dass sie gern ganz viel Nähe hätten, aber eigentlich ist Angst der Motor und durch das Klammern wird das Gegenüber ständig einen Schritt zurückweichen wollen. Das Verhalten bestätigt von der Auswirkung her letztlich genau die Angst. 2. Die ängstlich-vermeidenden Typen haben sehr leicht ein Gefühl, erstickt zu werden und fliehen darum aus Situationen. Und 3. die gleichgültig-vermeidenden Typen: diese haben im Grunde auch eine riesige Angst vor Bindung und Vereinnahmung, aber da diese Angst sehr weit vergraben ist, fühlen sie sie gar nicht sondern sind eher strategisch unterwegs. Das grösste bewusste Ziel ist die eigene Autonomie. In dieser Ausprägung wird auch nicht davor zurückgeschreckt, zu lügen und zu manipulieren, damit niemand in das Gemäuer eindringen kann. Die Empathie den anderen gegenüber ist nur gering. Hier finden wir öfters mal die Kombination mit Narzissmus. Alle diese Strategien führen dazu, dass nur schwer eine längerfristige liebevolle lebendige Beziehung auf Augenhöhe entstehen kann. Für einen One-Night-Stand wäre das aber vermutlich kein Problem.

Meiner Meinung nach geht es nicht darum, Menschen mit Bindungsphobie zu verurteilen: wahrscheinlich tragen wir alle in einer mehr oder weniger ausgeprägten Form solche Anteile in uns. Aber aus meiner Sicht wäre es konstruktiv, das Thema genauer anzuschauen. Die Wahl einer Beziehungsform könnte eine Folge des Bindungsstils sein. Vielleicht heiratet jemand, der klammert und denkt insgeheim, dass das nun die Lösung für die vorhandene Verlustangst ist. Oder ein gleichgültiger Vermeider / eine Vermeiderin führt Parallelbeziehungen, in der Hoffnung, nicht in Ketten gelegt zu werden (das wäre die grosse Angst im Hintergrund). Genauso gut kann aber eine vermeidende Person auch verheiratet leben und sich in die Arbeit, Hobbies etc. flüchten, während das Gegenüber emotional verhungert.

Das bedeutet nicht, dass Menschen, die einen Eigenraum pflegen und gerne Zeit allein verbringen, eine Störung haben. Im Gegenteil. Der entscheidende Faktor ist: gibt es überhaupt auch eine erfüllende Nähe und sind alle Beteiligten zufrieden oder entsteht Leiden durch das Verhalten? Und falls nicht alle happy sind: gibt es eine Bereitschaft, über mögliche Ursachen zu reden oder ist das alles eher tabuisiert? Sind die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz in Konstellationen einigermassen verträglich?

Verweilen

Ob Menschen polyamor oder als Single, ob sie beziehungsanarchistisch oder verheiratet à Deux oder à Trois leben, wird vielleicht von der Wichtigkeit her überbewertet. Und das kann sich ja auch immer wieder verändern. Die Chance ist jedenfalls gut, dass man im 21. Jahrhundert nicht mehr mit einem einzigen Menschen an der Seite durchs Leben geht. Wesentlicher ist aus meiner Sicht, ob sich Menschen in ihrem Beziehungsgeflecht aufgehoben fühlen, ob sie sagen können, sie hätten ein paar richtig gute Freunde. Ob es Inspiration gibt und Freude an dem, was die Tage füllt. Ob man sich in einer Weise in der Welt einbringen kann, die man selber für sinnvoll hält. Und ob das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit sowie (falls gewünscht) einer erfüllenden Sexualität zumindest zeitenweise gestillt wird. Hierbei ist die Liebe und Sorgfalt im Umgang mit sich selber von zentraler Wichtigkeit.

Ich vermute, dass die Fixierung auf die Idee, das intime Beziehungsleben stehe im Zentrum unseres Glücks und werde uns beleben und nachhaltig befriedigen, ein Holzweg ist. Damit das überhaupt möglich sein kann, müssen wir uns grundsätzlich verbunden fühlen mit der Welt, mit unserem Spirit (unserer Lebenskraft) und damit in Offenheit und Neugierde immer wieder Neues erleben und entdecken. Und das wiederum kann passieren, wenn wir aus unseren ewig gleichen Gedanken- und Handlungsketten aussteigen und spielerisch leben. Bestimmt ist das individuell sehr verschieden, was uns in diese Art von Verbindung bringt oder aus ihr herausreisst. Mit  ewig ähnlichen Gedanken- und Handlungsschlaufen legen wir uns ganz bestimmt selber in Ketten und nicht die Anderen! Nichts bindet und beschränkt uns mehr als Gewohnheiten! Das ist das Vertraute, dort fühlen wir uns zu Hause. Darum ist auch die Chance recht gross, dass wir wiederholt in ähnliche Konstellationen geraten. Und dass wir dem Bindungsthema lieber aus dem Wege gehen, denn wenn wir es genauer studieren würden, könnten wir womöglich nicht mehr in der alten Vertrautheit weiterwursteln. (Wer sich hier nicht angesprochen fühlt: Schön! Ihr gehört zu den Wenigen, die dort offensichtlich überhaupt kein Thema haben.) Das Unvertraute und Unbekannte macht tendenziell Angst, führt uns aber zu dem, was uns ausmacht. Oder in den Worten des Künstlers Gen Atem: „Dort wo nichts mehr zählt und alles Infrage steht beginnt vielleicht die Intimität. Aber dort in diesem Inneren ist der Schmerz im Grunde genommen gnädig, denn er geht einher mit der Einsicht, dass wir umarmt sind von jener Vergangenheit und Zukunft, von jener Erde und von jenem Kosmos, welche uns jene Möglichkeit bieten, in der wir sein und wirken können.“

In diesem Sinne ist der Sprung in dieses Unbekannte ganz sicher den Mut wert! Immer wieder. Denn es ist paradox: das Befürchtete trifft eher ein, wenn wir in der Vermeidungshaltung handeln. Oder eben gerade nicht handeln können.

And I know from her eyes
and I know from her smile
that tonight will be fine,
will be fine, will be fine, will be fine
for a while.

Literatur:

Alexander Trost: Bindungswissen für die systemische Praxis. Ein Handbuch (eher für Fachpersonen)

Stefanie Stahl: Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner (ein brauchbarer Ratgeber)

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