Polyamorie als Pseudolösung für Nähephobiker

…There’s a lover in the story
But the story’s still the same
There’s a lullaby for suffering
And a paradox to blame
But it’s written in the scriptures
And it’s not some idle claim
You want it darker
We kill the flame

(aus: Leonard Cohen: You want it darker)

Eva Illouz schreibt in ihrem neusten Buch „Warum Liebe endet“ über die Kultur der Lieblosigkeit und erwähnt auch Polyamorie oder Gelegenheitssex als Strategien, wie sich die Protagonisten eingeschlafener Intimbeziehungen Auswege aus einer unbefriedigenden Situation suchen. Unter so genannt „negativen Beziehungen“ müssen wir uns Illouz zufolge solche vorstellen, die für die persönliche Gesamtbalance zustande kommen und sich jederzeit schnell auflösen können – im Grunde also gar nicht erst richtig eingegangen werden. Es sind Beziehungen, die halbherzig insbesondere für Sex einen Stellenwert haben. Was äusserlich als eine elegante Lösung daher kommt, damit niemand ein Manko an Sex erleiden muss, kann doch viel Leid verursachen. Denn womöglich passt der Deal nicht allen Beteiligten in dieser Unverbindlichkeit in den Kram.

Tatsächlich kann ich die pessimistische Analyse von Illouz bestens nachvollziehen. Natürlich gibt es Gegenbeispiele: es gibt Paare, die sich polyamourös orientiert lieb behalten und verbindlich über viele Jahre zueinander stehen: das sind Menschen, die sich wirklich einlassen. Aber ich denke doch, dass wir in einer grundsätzlich sehr unverbindlichen Zeit leben, in der die Angst, sich verletzlich zu zeigen und verbindlich zu sein, sehr gross ist. Dieses Phänomen betrifft alle, egal in welche Schublade sich Menschen selber einteilen. Vor dieser Unverbindlichkeit schützt Polyamorie ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. So gibt es Menschen, die unter diesem Label eine gute und mittlerweile gesellschaftlich immer akzeptiertere Ausrede finden, sich nicht mit Haut und Haar auf ein Gegenüber einlassen zu müssen. Leider können sie nie viel Zeit à deux verbringen, denn sie haben ja noch andere Beziehungen, die wichtig sind und vielleicht auch einen Job, der bereits viel Aufmerksamkeit absorbiert. Das führt dazu, dass Beziehungen in solchen Konstellationen funktional werden: damit meine ich, dass nicht der ganze Mensch mit seinen Gefühlen, Nöten, Bedürfnissen Platz hat, sondern dass nur gerade soviel Raum gewährt wird, damit das Gesamtkonstrukt nicht gestört wird. Also konkret vielleicht so: einmal pro Woche ein Abend plus Sex ist in Ordnung, aber alles, was darüber hinaus ginge, wäre zuviel und zu intim und zu verbindlich. Nun ist das Problem: in einer exklusiv definierten Beziehung würde ein Gegenüber sagen: weißt du was? Wenn du nie auch nur ein ganzes Wochenende Zeit hast für mich, wenn du nie mit mir Ferien machen kannst, wenn du keine Lust hast, mal mit mir zu telefonieren, wenn es mir nicht so gut oder besonders gut geht, dann wird das wohl nichts mit uns beiden. Aber unter dem Polystern wird man zu wahnsinnig viel Toleranz animiert. Ansprüche und Erwartungen? Pfui! Man soll sich doch selber so liebhaben, dass man das nicht nötig hat. Eifersüchte? Da muss man sich nur durcharbeiten, hin zur Mitfreude! Tja, wenn der Partner oder die Partnerin eine andere Primärbeziehung hat, dann ist das doch sein und ihr gutes Recht. Selber verantwortlich, wenn man sich trotzdem für diese Situation entschieden hat. Hier würde ich kritisch einwenden: wie rational entscheidet man sich für das Begehren und eine bestimmte Situation? Vielleicht hat ja die unbewusste Partnerwahl gerade mit einem tiefer liegenden Muster zu tun? Hier könnte man wiederum entgegnen, dass man so lange in Situationen gerät, bis man das Muster auflösen kann. Das mag stimmen. Aber vielleicht ist es ja doch gut, diese Mechanismen mal beim Namen zu nennen und nichts schön zu reden.

So stelle ich hier zur Debatte, inwiefern Polyamorie ein gefährliches Gefährt ist für Menschen, die sowieso Mühe haben, zu ihren Bedürfnissen zu stehen. Oder für Menschen, die im Grunde ein Thema mit Bindungsängsten haben und im Chaos der polyamoren Verstrickungen permanent dem Thema aus dem Wege gehen können. Denn anstatt dass man mal fühlen kann, wie eng es einem zumute ist, wenn ein Gegenüber Ansprüche hat, kann man sich ein paar Beziehungen (Freundschaften plus oder was immer) suchen und man wird ganz bestimmt fündig. Oder man kann sich abstrampeln an Menschen, die ihrerseits immer einen Schritt zurück weichen und wird somit gar nicht mit der eigenen Angst vor Nähe konfrontiert. Menschen, die sich lieber nicht voll und ganz auf eine Beziehung einlassen, wird man heutzutage wie Sand am Meer finden. Und eben: hier kommen die Überlegungen von Eva Illouz ins Spiel. Das passt wunderbar zu unserer Konsumhaltung: man fischt sich Menschen wie Produkte, aber vielleicht muss man sie auch bald wieder entsorgen, wenn die Qualität nicht ganz passt. Wer weiss: der Sex kann vielleicht woanders noch aufregender sein und er wird das ganz bestimmt, wenn neue Verliebtheiten ins Spiel kommen. Oder eine Beziehung wird doch lästig, weil sie etwas mehr Verbindlichkeit wünscht: weg damit, das stört nur im sonst schon dichten Alltag. Oder man wechselt doch noch schnell die Schublade: poly war gestern, aber das funktioniert ja doch nicht: nun ist wieder Monogamie angesagt: fort mit allem, was sonst noch da war. Jetzt wird aufgeräumt – und tschüss!

Aus den genannten Gründen plädiere ich für weniger Zerstreuung. Wieso nicht mal das Gefühl von Enge überhaupt erleben und schauen, ob man wirklich gleich erstickt oder doch nochmals einen Tag erlebt? Wieso nicht mal die Ödnis einer sexuell eingeschlafenen Beziehung ertragen und ein bisschen Geduld haben: vielleicht erwacht sie ja nochmals zu neuem Leben? Das könnte zu einer Unaufgeregtheit führen, die ganz real ist: intime Beziehungen sind Ups und Downs unterworfen, es ist nicht immer nur spannend und lustig: es ist genauso öde zwischendurch, wie jedes Innenleben. (In den Worten von Karl Valentin: Heute in mich gegangen, auch nichts los…) Insofern ist es nur menschlich, wenn es zwischendurch mal dunkel wird und das Feuer erlischt. „You want it darker. We kill the flame.“

Cohen: https://www.youtube.com/watch?v=v0nmHymgM7Y

NZZ Beitrag zu Eva Illouz „Warum Liebe endet“: https://www.nzz.ch/gesellschaft/warum-sex-ohne-liebe-so-begehrt-ist-ld.1439607

 

 

 

 

 

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Kategorien Allgemein

1 Kommentar zu „Polyamorie als Pseudolösung für Nähephobiker

  1. Billo Heinzpeter Studer 9. Januar 2019 — 0:44

    Ich teile grundsätzlich Deine Sicht, vor allem auch Deine Aufforderung, Nähe auszuhalten, aber auch Wellentäler.
    Meine Erfahrung mit Paarbeziehungen war von aussen betrachtet wohl «typisch männlich», ganz im Gegensatz zum eigenen Erleben, auch wenn ich das erst im Rückblick zu verstehen begann. Für mich hiess eine Paarbeziehung immer, mein Leben mit dem meiner Partnerin «für immer» zu verbinden; auch nach mehreren beendeten Beziehungen war genau das mein Wunsch an die nächste: may it last forever. Bis heute ist das mein Wunsch, zu dem die Vorstellung grosser und intimer Nähe genau so gehört wie absolute Verbindlichkeit, aber ebenso, dem Partner den Raum für sein Eigenes zu lassen.

    Mein Wunsch nach grosser, intimer Nähe liesse sich natürlich psychologisch deuten als Fortsetzung einer besonderen Beziehung zu meiner Mutter, nur ändert das ja nichts daran, dass der Wunsch stark ist und aller andersgearteten Erfahrung zum Trotz weiter besteht. Umgekehrt ist es meinen einstigen Partnerinnen nicht zu verargen, wenn sie meinem heftigen Wunsch mit einer gewissen Vorsicht begegneten, erst recht jene, die wussten, dass es eine Vorgeschichte gibt, aufgrund welcher sie damit rechnen müssten, dass ich nach ein paar Jahren weiterzöge…
    So wurden alle meine Paarbeziehungen zu Wechselbädern zwischen Nähe und Distanz, und wenn ich zunehmende Distanz nicht mehr aushielt, brach ich aus – spätestens dann, wenn das Versprechen auf absolute Nähe anderswo greifbar schien. Bis zur aktuellen Liebesbeziehung, die mich mit der Unmöglichkeit meines Wunsches sozusagen im Zerrspiegel konfrontiert.

    Für Nähe und Vertrauen ist wenig Platz in einer auf Konkurrenz unter Individuen getrimmten Gesellschaft Es gibt in meinem Leben ganz wenige Menschen – Frauen und Männer –, denen gegenüber ich mich manchmal ganz öffne, weil ich mich absolut auf sie verlasse (et vice versa). Meine einstigen Liebespartnerinnen gehören – mit einer Ausnahme – nicht zu diesen Menschen; offenbar hinterlässt vergangene grosse Nähe, die wie ein Anachronismus noch immer auf ihrem Recht in der Liebe besteht, gern unheilbare Verletzungen.

    Wäre also weniger Nähe, weniger Verbindlichkeit angezeigt? Ich staune über die Lebensweise einer Frau in meinem Bekanntenkreis, die sich mit Nähe schwer tut, selbst mit einer Umarmung unter besten Freundinnen. Seit Jahren ist sie mit einem Mann in Beziehung, den sie höchstens an den Wochenenden sieht; klar, dachte ich: es bleibt ihr so genügend Pause, um sich von allenfalls zu grosse Nähe zu erholen. Dich dann erfuhr ich, dass sie gleichzeitig eine Beziehung zu einem zweiten Mann unterhält, den sie nur unter Woche tageweise sieht. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, ging’s mir spontan durch den Kopf…

    Liken

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