Auf und neben der Spur

Meine Freundschaften sind zum Teil etwas älter als ich, zum Teil in meinem Alter oder etwas jünger. Etwas verbindet uns alle, auch wenn die einzelnen Biografien recht unterschiedlich aussehen. Das Leben hat bereits deutliche Spuren hinterlassen. Wir sind in der Lebensmitte angekommen, ohne zu wissen, wie lange unser Leben noch dauert. Aber allen dürfte ab Mitte Vierzig klar geworden sein: das Leben ist endlich und die grauen Haare, die Spuren im Gesicht, sind diskrete Hinweise auf unser tägliches Altern. Bei einigen sind die Eltern bereits gestorben, bei anderen sind Demenz oder andere Beschwerden ein Thema. Die Kinder sind langsam aber sicher aus dem Windelalter und wir sind, sofern wir Mutter oder Vater sind, nicht mehr die Grössten. Die Kinder sind mit Gleichaltrigen beschäftigt und froh, wenn man sie machen lässt und nicht alles wissen will. Und dann gibt’s noch das Thema Partnerschaften, Beziehungen. Auch hier finden sich viele Baustellen oder Baugruben. Wenn langjährige Beziehungen zerbrochen sind, ist man in guter Gesellschaft – einige geniessen die neu gewonnene Freiheit, andere knabbern am Loch oder am Kleinfamilienleben, das mittlerweile auf ein Minifamilienleben geschrumpft ist.

Midlife crises ist nicht das, was ich mir früher darunter vorgestellt hatte. Ich dachte, dass man dann an allem zweifelt, was man bislang machte und nicht mehr recht weiss, was der Sinn des Lebens sein soll. Das ist zwar nicht völlig daneben, aber jetzt, wo diese so genannte Lebensmitte da ist, jetzt gibt es ein unüberschaubares Konglomerat von all diesen erwähnten Dingen und noch vielen mehr. Was verbindend ist, da es alle in der einen oder anderen Form betrifft: wir alle schauen bereits auf ein Leben mit Rissen und Brüchen zurück. Nun dürfte unübersehbar klar geworden sein, dass die grosse Liebe oder die grossen Lieben endlich sein können, vielleicht sind Liebste auch gestorben, womöglich hat man bereits Arbeitslosigkeit erlebt und gemerkt, dass man ab 40 als alt gilt auf dem üblichen Arbeitsmarkt. Da hilft es auch nichts, dass wir uns als 50-Jährige so ähnlich kleiden wie die 25-Jährigen. Bei meinem Opa war das umgekehrt: der sah als 25-Jähriger aus wie ein 50-Jähriger: gestorben ist er mit 65 Jahren, insofern war er mit 33 Jahren tatsächlich bereits in seiner Lebensmitte…

Wer natürlich mit seinem Job so sehr beschäftigt ist, dass fast keine Zeit bleibt, sich solche Gedanken zu machen, ist in einem gewissen Sinne abgelenkt – aber ob das gut ist?

Ich sehe in dieser Phase Schönes, Herausforderndes und Schweres. Es ist gar nicht so schlecht, nochmals gründlich über die Bücher zu gehen und sich zu fragen, was man eigentlich mit seiner Zeit anfangen möchte. Und es ist auch nicht daneben, sich zu fragen, wer eigentlich zu jenen Freundschaften gehört, die tatsächlich lebendig geblieben sind. Vielleicht ist es auch eine Zeit, in der man nochmals eine kritische Auslese macht und sich sagt: meine Zeit ist zu begrenzt, um mich mit Menschen abzugeben, die mir nicht so ganz gut tun, sei es, weil sie sich im Grunde nur für sich selber interessieren, sei es, weil zu wenig Gemeinsames geblieben ist.

Was ich bei anderen fast besser sehe als bei mir: diese Spuren und auch das Entgleiste, das sich einschreibt, hat etwas Schönes. Es macht Menschen verletzlich, weniger eitel, hoffentlich auch ehrlicher. Jene, die krampfhaft an ihrer Unfehlbarkeit und Grossartigkeit festhalten, empfinde ich als völlig uninteressant, da sie einen so wichtigen Teil von sich verstecken und mit einem aufgedunsenen Ego überdecken. Das Schöne mag auch sein, dass man plötzlich merkt, dass ja wirklich der Moment zählt, weil eben die zukünftigen Momente nicht mehr ins Unendliche weisen. Was kann man da besseres tun, als möglichst viele Erlebnisse auszukosten und zu verweilen anstatt herumzustressen?

Gehe ich durch den Wald, schaue ich manchmal ganz bewusst all die Bäume an. Die alten und jungen, die so ruhig dastehen, schön verwurzelt und doch bewegt. Sie sind meine Vorbilder. Oder mein kleiner Hund, der schläft, wenn es ihm danach ist, oder voller Freude ins Wasser springt, egal, wie warm oder kalt es gerade ist. Der sich über fast jeden Hund, der ihm über den Weg läuft freut und nicht lange zögert, den anderen zu beschnuppern und wenn die Chemie stimmt, einen kleinen Freudentanz zu vollführen. Unser menschliches Gehirn mag ja eine geniale Sache sein, aber für manches steht es uns völlig im Wege. Nämlich für dieses momenthafte Sein, für die Freude, die entsteht, wenn man intensive Momente nicht konservieren möchte. Andererseits sind wir der Möglichkeit nach Melancholiker und wenn wir Glück haben, sind wir reflektierende Melancholiker, bei denen die Lachfalten die Sorgenfalten diskret überdecken.

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