Unsinnige Beziehungsthesen von Therapierenden

Immer wieder staune ich, welche „Weisheiten“ von Therapierenden über Paarbeziehungen zu lesen und hören sind.

So schreibt Michael Mary (der durchaus auch ein paar lesenwerte Bücher zu Beziehungsthemen publizierte), in einem Artikel im Zeitpunkt 157: „Jede Beziehung wird durch eine spezielle Kommunikation geformt. Fremden teilt man nur Unpersönliches mit. Freunden teilt man Persönliches mit. Dem Liebespartner teilt man Intimes mit.“ Echt jetzt?! Schon die Pluralformen und der Singular lassen tief blicken. Ich musste, als ich diesen unglücklichen Einstieg in den Artikel „Geheimnisse in Beziehungen“ las, an Chantal Milles denken, die einen Dokfilm drehte – „La mort de ma mère. Fünf Versuche einen Film zu machen.“ Ich hatte im Film eine kleine Nebenrolle – als systemische Therapeutin…!(https://www.youtube.com/watch?v=r381ff22z3w) In diesem versucht sie dem Suizid ihrer Mutter auf die Spur zu kommen, indem sie mit ihren Familienmitgliedern Interviews führt. Bald wird klar, dass die Kommunikation mit ihren Geschwistern nahezu unmöglich ist und dann folgt eine Schlüsselszene: sie trinkt in einem Autobahncafé etwas und fängt mit einem ihr Fremden an, über ihre Geschichte zu reden. Ihr wird plötzlich klar, dass viel mehr erzählbar und mitteilbar wird mit ihm, als mit ihren Familienmitgliedern, von denen sie das eigentlich erhofft hätte.

Vielleicht sind schon die Formulierungen „man tut dies und man tut das“ sehr fragwürdig, denn das sind Verallgemeinerungen, die überhaupt nicht auf Fakten beruhen. Ich glaube nicht mal, dass Michael Mary selber sowas tut, aber wer weiss.

Wie paradox das Thema ist, zeigt sich im weiteren Verlauf des Artikels: „Was in einer heutigen Liebesbeziehung unbedingt gebraucht wird, ist der Eindruck, keine Geheimnisse voreinander zu haben, zumindest keine grossen. (…) Man teilt dem Partner auch die Dinge mit, wovon kein anderer erfährt. (…). So entsteht die Illusion, das Innerste des Partners genau zu kennen. Diese Illusion wird gebraucht, damit der wichtige Eindruck der Ganzliebe – ich werde um meiner Selbst willen, mit allem geliebt, was mich ausmacht – entstehen kann. (…) Die Überzeugung, ganz und gar geliebt zu werden, hält sich nämlich nur, solange man sich vieles nicht mitteilt.“ In dem Fall braucht es die Illusion, um sich geliebt zu fühlen? Man muss sich nach diesen Überlegungen angeblich vieles gerade nicht mitteilen, um so tun zu können, als ob man sich alles mitteilt. Sind wir Menschen wirklich so leicht zu täuschen? Und können wir nicht von uns auch auf die anderen schliessen?

Es fällt auf, dass im Artikel vom Liebespartner (singular) die Rede ist. Das sind subtile Mechanismen, um Monogamie zu suggerieren – oder sogar propagieren? Was aber, wenn in einer Liebesbeziehung geklärt ist, dass es keine Exklusivität gibt und dass eben auch Intimitäten auf diversen Ebenen anderweitig ausgetauscht werden? Wird dann diese Form der Ganzliebe unterwandert? Ich denke schon und die Erfahrung zeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, solche Beziehungen gutzuheissen und eben keine solchen Illusionen aufrecht zu erhalten. Bloss gibt es viele Therpeuten, die (vermutlich selber monogam oder als Single lebend) von sich auf andere schliessen und die keinerlei Offenheit für Polyamorie, Beziehungsanarchie etc. zeigen. Warum nicht das Konzept dieser Ganzliebe hinterfragen, wenn sie doch auf Illusion beruht? Ich erinnere hier an Ingeborg Bachmann’s „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Noch deutlicher können wir dies auf einer Webseite sehen, die das Thema Familienberatung mit Polyamorie anspricht: (https://www.familienberatung.gv.at/start/polyamorie-geht-das-ueberhaupt/)

Der Einstieg ins Thema lautet hier: „Ist es möglich, zwei Partner/innen gleich intensiv zu lieben? ‚Ja, das kann vorübergehend möglich sein, aber nicht auf Dauer. Denn in solchen Konstellationen sind Ungleichgewichte, Enttäuschungen und schwere seelische Verletzungen geradezu vorprogrammiert‘, so Hermann Horngacher, Ehe-, Familien- und Lebensberater von der Familien – und Männerberatungsstelle.

‚Polyamorie wirkt auf den ersten Blick aufregend, verführerisch, ja attraktiv und wird auch gelegentlich praktiziert, aber in der Regel wird es in Stress ausarten. Denn einen zufrieden-stellenden Alltag zu leben, ist schwer möglich. Meist fühlt sich in einer solchen Konstellation zumindest einer der Beteiligten benutzt oder ausgenutzt und daher in seiner Haut nicht wirklich wohl’, meint Horngacher. Ein Konzept, das von vornherein seelischen Schmerz Einzelner in Kauf nehme, kann höchstens gut erscheinen, ist es aber nicht wirklich. Rein auf der körperlichen Ebene sei es durchaus möglich, sich als Single in zwei Menschen gleichzeitig zu verlieben. Solche Beziehungen bleiben aber mehr an der körperlichen Oberfläche und gehen nicht in die seelische Tiefe.

Nun können wir uns fragen, wieso wohl Herr Horngacher zu diesen Schlüssen kommt. Hat er noch nie zu mehr als einer Person so genannt seelische Tiefe erleben können? Jedes Beziehungskonzept nimmt seelischen Schmerz in Kauf, man schaue sich nur mal das ganze Leid an, das etwa Menschen in Beziehung mit krankhaft narzisstisch gestörten Persönlichkeiten erleben. Gerade in solch geschlossenen Beziehungen kann die Hölle los sein und das oft jahrelang. Aber auch ohne pathologischen Vorzeichen hat die exklusive Beziehung etliche Schwachstellen, die zu Schmerz führen können: etwa das Voraussetzen von Monogamie, die nicht der Natur der Menschen entspricht (nachzulesen in „Sex at Dawn“, von Christopher Ryan und Cacilda Jetha), oder die Erwartung, dass möglichst alle Bedürfnisse genau mit einem Menschen teilbar sein sollten und nicht zuletzt die Idee, dass zwei Menschen möglichst zeitlebens zusammen passen und sich nie wieder frisch verlieben sollten usw. Hier gibt es nicht selten häusliche Gewalt, Abhängigkeitsstrukturen, ökonomische Gründe, sich nicht zu trennen etc. So ist in der Schweiz beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1992 strafbar und erst seit 2004 ein Delikt, das auch von Amtes wegen geahndet wird!

Es könnte natürlich sein, dass auf einer Familienberatungsstelle öfters mal Paare Beratung suchen, die in einer Krise sind. Und Scheidungsgrund Nummer eins ist sexuelle Untreue. Also wird das Thema Zweitbeziehung und ob man die Primärbeziehung nicht mit dem Konzept der Polyamorie noch retten könne, höchstwahrscheinlich immer wieder auftauchen. Aber ich vermute, dass diese Ausgangslage tatsächlich oft zum Scheitern führt, da aus langjährigen Primärbeziehungen quasi aus Verzweiflung heraus eine Polysituation angestrebt wird. So einfach ist das nicht.

Ich würde einigen Therapierenden darum dringend empfehlen, sich etwas vertiefter mit alternativen Beziehungsmodellen auseinander zu setzen und nicht einfach die eigene subjektive Meinung mit fragwürdigen Verallgemeinerungen als objektive Tatsachen darzustellen. Denn ihre Haltung wird Einfluss haben auf die Art und Weise, wie das Gespräch mit den Ratsuchenden verläuft. Wenn man selber grosse Vorbehalte gegenüber nicht monogamen Beziehungen hat, wird das Gespräch einen anderen Verlauf nehmen, wie wenn man einfach offen für alles ist, möglichst ohne Voreingenommenheit. Die vielen Behauptungen, die ich von Therapierenden schon gelesen habe, führen dazu, dass ich mit grosser Skepsis an Beziehungstherapien denke, obwohl es natürlich etliche Ausnahmen gibt, die der Sache gerecht werden und tatsächliche Hilfe anbieten können. Leider werden in den Medien fast immer die polyskeptischen Therapeuten angefragt (in der Schweiz mit Vorliebe der Paartherapeut Klaus Heer), die bei Gesprächen über Paare meist Heterosexualität rekonstruieren und Monogamie propagieren – hier würde etwas mehr Variation ganz bestimmt nicht schaden.

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