Freundschaften

Freundschaften sind wertvoll. Nur hat sich deren Stellung über die Zeit verändert. Freundschaft und Liebe liegen gar nicht so weit auseinander, sie zu differenzieren ist aber anspruchsvoll.

„De amicitia“ ist ein Werk, das der Politiker und Philosoph Cicero im Jahr 44 v. Chr. publizierte. Dabei ging es ihm um Tugend, Weisheit, Ehre und die Frage, was Freundschaften unter Männern stärkt. Frauen tauchen eher im Sinne einer Gefahr für die Bande zwischen Männern auf: es könnte ja sein, dass sich zwei Freunde in die Haare geraten, weil sie dieselbe Frau heiraten wollen.

Nach gut 2000 Jahren sieht es anders aus. Nun ist die heteroerotische Liebesbeziehung im Fokus. Aber welche Rolle spielt hierbei die Freundschaft? Es gibt Menschen, die sagen, dass eine Freundschaft zwischen Mann und Frau unmöglich sei. In dieser Behauptung liegen zwei Unterstellungen, nämlich, dass erstens zwischen den Geschlechtern immer Erotik vorhanden sei und dass zweitens dort, wo Erotik möglich ist, keine Freundschaft Platz hat. Beides lässt sich widerlegen.

Die Idee, dass Liebesbeziehungen und Freundschaften zwei getrennte Welten seien, ist im Grunde kurios. Mit dieser Vorstellung von getrennten Beziehungsschubladen räumt das Konzept der „Beziehungsanarchie“ gründlich auf – die Hierarchie, welche durch die formelle Unterscheidung verschiedener Beziehungstypen entsteht, wird von Beziehungsanarchisten abgelehnt. Im Grunde ist jede Konstellation wieder anders und es ist nicht einsichtig, warum man einteilen soll, welche nun wertvoller und welche weniger wichtig ist, warum man einschätzen soll, wo mehr und wo weniger Liebe ist. Vielleicht gibt es ja Freunde, die ihren Liebsten viel treuer zur Seite stehen, als andere ihren Intimpartnern. Oft begleiten uns Freundschaften über mehrere Lebensphasen, während eheähnliche Beziehungen in Brüche gehen und individuellen Veränderungen nicht standhalten. Wenn der Freundschaftsaspekt in Beziehungen fehlt, ist das Konzept der intimen Liebe fragil. Mit „Freundschaft plus“ wird angedeutet, dass es auch intime Freundschaften gibt, die sich doch vom Konzept der Primärbeziehung oder Partnerschaft unterscheiden. Der Begriff klärt aber auch, dass die Grenzen zwischen Freundschaft und Intimität fliessend sind.

Ist überhaupt eindeutig fassbar, was Teil einer Freundschaft sein muss, damit diese Bezeichnung passt? Wahrscheinlich gibt es so viele Definitionen wie zum Begriff Liebe, und es ist unmöglich, eine letztgültige Beschreibung zu machen. Trotzdem kann versucht werden, wenigstens für sich zu klären, was es braucht, damit man von guter Freundschaft sprechen kann: Loyalität etwa, ehrliches Interesse an der Individualität der Anderen, die Bereitschaft, gemeinsam Zeit zu verbringen und in schweren Zeiten da zu sein füreinander. Genaues Zuhören und eine Balance im Geben und Nehmen dürften für Freundschaften vorteilhaft sein. Messgrössen für die Qualität einer Freundschaft könnten die Stimmung und Energie sein, welche die gemeinsam verbrachte Zeit bewirkt. Fühlen wir uns ausgelaugt von Kontakten, handelt es sich vermutlich nicht um tragfähige Freundschaften. Gestärkt werden solche dafür von geteiltem Humor. Auch ein Streit sollte möglich sein, ohne dass die Beziehung gerade in Frage gestellt wird. Wenn man solche Kriterien studiert, wird klar, dass sie eigentlich allesamt auch auf so genannte Liebesbeziehungen zutreffen können.

Der Philosoph Wilhelm Schmid geht in seinem Buch „Mit sich selbst befreundet sein“ dem Umgang mit sich selbst auf den Grund. Interessant ist seine Feststellung, dass zur Selbstgestaltung stets gehört, die Geschichte, wer man sei, sich selber und anderen wieder neu zu erzählen: „Die Erzählung der eigenen Geschichte ist keineswegs nur Erinnerung, sondern auch Erfindung, um das Selbst und sein Leben auf ‚versponnene’ Weise zusammenzufügen.“ Das bedeutet unter anderem, sich mit den sich widerstreitenden inneren Gedanken und Gefühlen wie Furcht, Neugierde, Hoffnung und Enttäuschung, Liebe und Hass, Freiheitsdrang und dem Bedürfnis nach Bindung anzufreunden und allen Launen den Raum zu geben, den sie brauchen.

Echte Freundschaft ist demnach eine Inspirationsquelle, um uns mit allen Unebenheiten im inneren oder äusseren Dialog immer wieder neu finden und erfinden zu dürfen.

 

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