Der Fokus in polyamoren Beziehungen

Kürzlich ging es in einer Diskussion um die Streitfrage, ob polyamor lebende Menschen etwas weniger Fokus bei den einzelnen Beziehungen haben, als monoamore. Ich hoffe, dass für die Klärung dieser schwierigen Frage ein paar Überlegungen zum Weiterdenken inspirieren.

Für eine Beantwortung scheint mir wichtig, ob das Beziehungsgeflecht wirklich ein Geflecht ist, in dem es quasi keine Hierarchie gibt sondern in dem alle Beteiligten gleichberechtigter Teil eines Ganzen sind. Mit gleichberechtigt meine ich hier: es gibt keine Primärbeziehung, die Beziehungszeiten sind ungefähr gleichmässig verteilt oder zumindest mit dem Einverständnis aller unterschiedlich, etc. Das sind schon einmal keine selbstverständlichen Voraussetzungen. Aber auch dann könnte man anführen, dass ja auch bei einer solchen Ausgangslage jeweils der Fokus gerade (hoffentlich) dort ist, wo gemeinsame Zeit verbracht wird. Nehmen wir einmal das Beispiel einer V-Beziehung (eine Person hat zwei Beziehungen, die anderen sind aber nur mit dieser einen Person zusammen, vielleicht wollen sie auch gar nicht poly leben). Das heisst dann, dass diese einzelnen V-Glieder eigentlich mehr Zeit zur Verfügung hätten für ihren „Lieblingsmenschen“ im Vergleich mit jener Person, die eben zwei Beziehungen pflegt. Ich würde sagen, dass hier die Möglichkeiten zu fokussieren nicht gleichmässig verteilt sind. Natürlich könnte man anführen, dass es ja im Leben eines Menschen nicht nur Intimbeziehungen gibt sondern auch Freundschaften und die Selbstbeziehung, die man pflegen kann. Aber mich interessiert hier der Fokus innerhalb bestimmter Intimbeziehungen, denn das war ja auch die Ausgangsfrage.

Oder nehmen wir doch trotzdem das Beispiel eines Konstrukts, in dem es eine Primärbeziehung gibt und dann noch eine weitere Beziehung des einen Partners. Vielleicht wird in der Primärbeziehung auch Ferien gemacht, Familienzeit (insbesondere wenn gemeinsame Kinder da sind), Ökonomisches geteilt. Und dann darf und kann die Nebenbeziehung auch manchmal Zeit verbringen, aber vielleicht viel weniger, womöglich gar keine Ferien etc. Auch jener andere Teil der primären Partnerschaft ist vielleicht monoamor eingestellt, das heisst, auch hier fokussiert nur jemand auf zwei Menschen, die anderen auf einen. Das sind übrigens keine frei erfundenen Beispiele sondern aus dem realen Leben gegriffene.

Wenn nun behauptet wird, dass Polyamorie keinerlei Auswirkungen auf den Fokus habe, würde ich sagen: dies trifft nicht auf alle Situationen zu, die unter Polyamorie eingeordnet werden. Oft haben wir es ja eben nicht mit Polykülen (alle sind gleichberechtigt miteinander in einer Liebesverkuchung) zu tun. So würde ich behaupten, dass die Beziehungsanarchie, im Falle sie von allen Beteiligten unterschrieben wird, eigentlich zu ausgewogeneren Möglichkeiten zu fokussieren führt, denn hier fallen schon einmal die hierarchischen Ungleichheiten (zumindest in der Theorie) weg. Dasselbe gilt für die Monoamorie, im Sinne einer Partnerschaft, in der beide Teile etwa gleich viel Fokus wünschen und leben können (sofern nicht heimliche Liebschaften die Konzentration deutlich verschieben…).

Natürlich kann man die Diskussion problematisieren, indem man sagt: im Herz trägt man immer alle Menschen, die man liebt, gleichermassen mit sich. Vielleicht liebt man sie nicht gleich, aber vergleichbar von der Intensität. Hier würde ich entgegnen, dass die Liebe eben nicht nur ein Gefühl ist, sondern sich letztlich in Handlungen realisiert. Vielleicht lieben uns ja ein paar Menschen ganz innig, aber sie sagen es uns nie und sie teilen auch nichts mit uns. Das mag zwar nicht irrelevant sein, aber bezüglich Fokus eben doch fatal: denn wie kann ich meine Aufmerksamkeit auf eine Person lenken und wie kann ich mich von ihr geliebt fühlen, wenn ich sie womöglich überhaupt nicht kenne? Ich weiss, das Beispiel ist ein wenig provokativ. Es macht aber eben doch einen Unterschied, ob und wie man das Leben teilt. Vielleicht möchte man ja mit verschiedenen Menschen auch gar nicht das Gleiche teilen, das ist menschlich. Vielleicht reicht es mir, eine Person, die ich liebe, nur alle 3 Monate zu sehen und eine andere möchte ich wöchentlich oder täglich treffen. Das muss zwar nicht heissen, dass ich die andere Person weniger liebe, aber einen Einfluss darauf, WIE sie sich geliebt fühlt und WIE ich liebe, hat das eben trotzdem. Ob ich auch mal eine gemeinsame Reise erlebe oder nicht, ist nicht egal. Ob ich gemeinsame Kinder zeuge oder nicht, spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Das sind alles Differenzen, die Auswirkungen auf die Fokussierung und zudem auf gemeinsames Erinnern haben.

Ich habe den Eindruck, dass es im Gespräch unter Polyamourösen oft darum geht, alle Zweifel, die man gegenüber Polyamorie anmelden könnte, auszuräumen. Wieso eigentlich? Wieso muss immer wieder betont werden, dass Polyamorie in JEDER Hinsicht besser sei wie Monoamorie? Diese Wertungen sind doch eigentlich unnötig. Denn es gibt immer eine Kehrseite. So wie jede Stärke von uns auch eine Schwäche beinhaltet und jede Schwäche eine Stärke, so trägt auch jedes Beziehungsmodell seine Schattenseiten in sich. Es gibt kein Rezept, mit dem man beziehungsmässig glücklich wird. Das Leben bringt immer wieder neue Herausforderungen mit sich und das ist wahrscheinlich auch gut so.

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