Polyamorie: Die Schattenseiten einer Bewegung

Bis vor Kurzem wussten die wenigsten Zeitgenossen etwas mit Polyamorie anzufangen – unterdessen wird auch im Modejournal die Mehrfachliebe diskutiert. Das Konzept droht beliebig zu werden.

Unter Polyamorie versteht man verkürzt, dass alle Beteiligten die Möglichkeit zur Mehrfachliebe gutheissen: Intimbeziehungen werden einvernehmlich und transparent eingegangen, man bemüht sich ernsthaft, die Eifersucht in Mitfreude zu transformieren. Besitzansprüche sind verpönt. Das Verhandeln der Beziehungen ist ein wichtiger Bestandteil. Dass die Vielfalt der Beziehungsformen langsam selbstverständlich und gesellschaftlich weniger verurteilt wird, ist eine super Sache und hoffentlich vergrössert sich die Akzeptanz im Verlaufe der Zeit weiter. Aber auch kritisches Nachdenken über Polyamorie soll innerhalb der Community kein Tabu sein. Ein paar grundsätzliche Aspekte müssen aus meiner Sicht im Fokus bleiben.

Wenn aus der Möglichkeit ein Anspruch wird

Einige Menschen haben es schwerer als andere, auch nur phasenweise eine einzige Beziehung einzugehen. Im Schatten des Polyglücks stehen die vom Mangel gezeichneten „Mehrfachsingles“. Aber ist dieses Glück immer so vollkommen? Wenn die Mehrfachbeziehung Realität geworden ist, kann es gut sein, dass wir sehr viel Energie in Diskussionen um das Beziehungsleben aufwenden. Die Chance, dass es ein Ungleichgewicht im Beziehungsnetzt gibt, vergrössert sich entsprechend der wachsenden Zahl an Beteiligten. Dies führt zum verständlichen Vorwurf, dass Polyamorie etwas für intellektuelle gut situierte Zeitgenossen sei, denn ein Working Poor oder eine Alleinerziehende am Existenzminimum hätten vielleicht einfach nicht die nötigen Ressourcen und ganz andere Sorgen.

Der Anspruch auf Transparenz kann totalitäre Züge annehmen: wo früher noch ein stilles Prickeln erlaubt war, ist nun ein Anspruch auf Information getreten: Aber wie genau möchte man Details eigentlich wissen? Wo fängt ein Beichtzwang an? Natürlich kann auch das abgesprochen werden, die Frage ist nur, ob wir in all diesen und anderen Details einen stimmigen Konsens finden können.

Denn alle Lust will Ewigkeit…

Transparenz und Verhandlungsbereitschaft sollen der Stabilisierung dienen, um auf langfristige Beziehungen bauen zu können. Ob wir aber in einem Luststreifen mitspielen oder in einem Melodrama bestimmen alle Beteiligten und nicht wir allein. Eine Verliebtheit kann so stark sein, dass wir keine Lust mehr auf Sex mit langjährigen Partnern haben oder das Zusammengehörigkeitsgefühl kommt an ein Ende, ohne dass wir genaue Gründe dafür erkennen. Konstanz ist im Grunde nicht planbar. Der Journalist Allen Saunders sagt es so: „Life is what happens to us while we are making other plans.“ Die vielen Trennungen und Scheidungen zeigen, dass gerade die romantische Beziehung ein brüchiges Konzept ist. Und hier würde ich meine Hauptkritik an der Polyamorie ansetzen: die romantische Idee wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern quasi ausgedehnt, es ist nun einfach nicht mehr the one and only sondern eine kleine Gruppe an Auserwählten. Was ebenfalls unhinterfragt bleibt, betrifft die Konzentration auf Liebesbeziehungen, als Fokus fürs Lebensglück. Indem wir das intime Beziehungsleben weiter ausdehnen, riskieren wir, die ungelösten Themen einfach zu potenzieren anstatt zu hinterfragen. Aus meiner Sicht kranken wir an diesen Vorstellungen, die seit der Neuzeit nachhaltig auf uns einwirken. Das Glück entsteht meiner Meinung nach in der Offenheit dem Leben gegenüber, in all seiner Unberechenbarkeit. Je mehr wir fixiert sind auf bestimmte Lebensentwürfe, desto grösser die Chance, unglücklich zu sein.

Outing

Mit einem Outing legen wir unsere Identität fest.  Politisch gesehen ist es wichtig und mutig,  dass sich Menschen öffentlich zur Mehrfachliebe bekennen, denn so wird deutlich, dass die normativen Annahmen bei Weitem nicht auf alle zutreffen. Andererseits kann Identifikation eine Tendenz zur Ideologisierung forcieren. Vielleicht passt es ja in einer gewissen Lebensphase, polyamor zu leben und später wieder in einer einzelnen Partnerschaft oder als Single?

Produkt Liebe

Selbstverständlich birgt auch die monoamor orientierte Beziehung unzählige Schattenseiten in sich. Sei das der Zwang, Monogamie vorzutäuschen, obwohl die Annahme einer natürlichen monogamen Veranlagung höchst fragwürdig ist. Dies ist etwa nachzulesen, bei Christopher Ryan & Cacilda Jetha in „Sex: Die wahre Geschichte“, 2016. Sei das die Komfortzone, die sich in der automatisch erschlossenen Norm auftut, unter der Einbusse einer ehrlichen Entscheidung. Schauen wir die Zahlen an Gewaltdelikten in exklusiven Beziehungen an, wird deutlich, dass wir es hier bisweilen mit Kämpfen zu tun haben, die auch mal tödlich enden.

Aber auch als polyamor offener Mensch sollte man kritisch hinschauen, welche Blasen sich gerade bilden. Denn all das findet immer noch im Rahmen des Neoliberalismus statt: so berichten etwa Polys, wie sie eine Liste mit Bedingungen erstellen, die erfüllt sein müssen, damit Menschen in ihr Polykül aufgenommen werden. Das ist in einer Leistungsgesellschaft des Speeddatings und  Optimierungszwangs nicht weiter erstaunlich. Das Produkt muss überzeugen, wer stört, fliegt raus oder kommt gar nicht erst rein. Diese Effizienz passt aber so gar nicht gut zum AMOR im Begriff. Denn eigentlich müsste es doch um die Vertiefung der Liebesfähigkeit gehen: etwa, wo wir Widerstand spüren und unsere eigenen Unsicherheiten fühlen, ohne zu wissen, wie das Morgen aussieht.

Das führt uns zum Definitionsproblem, das die Polyamorie provoziert. Die Liebe ist ein so weiter Begriff, dass alle möglichen Anliegen unter diesem Label auftauchen: sei das der Guru, der seine Macht positionieren möchte indem er mitbestimmt, wer in seine Gemeinschaft aufgenommen wird und wer mit wem Sex haben darf. Sei das der Macho, der einfach mehrere Frauen haben möchte ohne sich weiter rechtfertigen zu müssen. Oder Menschen mit Bindungsängsten, die der Intensität in einer Zweierkonstellation ausweichen; auch manche Swingerpaare bezeichnen sich als polyamourös. Was bleibt da genau als gemeinsamer Nenner?

Die Lösung besteht nicht darin, die Definitionsmacht über den Begriff zu erlangen, konstruktiver scheint mir, wenn akzeptiert wird, dass die Übergänge zu ganz verschiedenen Beziehungsformen fliessend sind – und dass Polyamorie eben gerade für diese Vielfalt stehen kann.

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