The match

Im digitalen Zeitalter ist der Match in Beziehungen ein wichtiges Merkmal geworden. Früher konnte man nicht Suchmaschinen nach Menschen durchstöbern, die ebenfalls polyamor, vegetarisch, tierliebend, heavy metal Fan und reisefreudig sind. Das hat den Vorteil, dass sich ähnlich Gesinnte einfacher finden. Nicht nur für Intimbeziehungen sondern für Interessengruppen im Allgemeinen kann das eine gute Sache sein. ABER: aufgrund dieser Möglichkeiten wuchs die Tendenz, dass sich Menschen am liebsten in ihren Bubbles verständigen und teilweise kaum noch bereit sind, sich mit jenen, die ausserhalb ihres Denk- und Dunstkreises liegen, auseinanderzusetzen. Viel mehr steht die Fixierung auf Selbstbestätigung im Vordergrund. Entweder ihr liked meine Inputs oder ich bringe euch zum verschwinden. Klick!

Damit verbunden ist ausserdem eine sinkende Bereitschaft, was die Differenz zu unseren inneren Idealbildern von möglichen Partnerinnen oder Partnern angeht. Wenn der Match nicht so passend ist, wie auf einer inneren Liste vorgesehen, werden die potentiellen Dates wahrscheinlich schon vor einer persönlichen Begegnung wieder wie stinkende Fische in den Fluss geworfen (das Bild ist geklaut aus einer Überlegung in Janice Jakaits Buch: „Freut euch nicht zu spät“). Könnte es sein, dass dem Begehren heutzutage kritischer begegnet wird? Wahrscheinlich gibt es eine Begegnung mit mehr Übereinstimmungen! Wenn Menschen vom besten Match ever träumen, wächst die Gefahr einer ruhelosen Suche sowie einer schwindenden Bereitschaft, sich einfach auf das, was da ist, einzulassen. Das Netz wird zu einer Verstrickung mit dem Illusionären.

Dem Zusammenhang von Kapitalismus und Liebe sowie dem Phänomen des Online Datings ist die Soziologin Eva Illouz seit Jahren nachgegangen. Sie kommt zum Schluss, dass der Kapitalismus unterdessen unzertrennbar mit der Beziehungsliebe verknüpft ist. Doch ich würde hier kritisch einwenden: lässt sich das Begehren wirklich steuern? Oder wird es einfach vom Streben nach dem Unmöglichen überlagert?

Die Gefahr, die ich sehe, liegt also in dieser sinkenden Bereitschaft, sich mit dem, was uns irritiert oder sogar stört, zu beschäftigen. Kapitalistisch geprägte Beziehungen müssen nicht zwingend nach monetären Gesichtspunkten entstehen. Im Gegenteil: das war eher noch der Fall, als die Ehe eine in erster Linie wirtschaftliche Verbindung war.  Heute wird eine Beziehung zum Schnäppchen, das man ergattern möchte, mit möglichst wenigen Störfaktoren. So wie im Internet nach dem vorteilhaftesten Liegestuhl gesucht wird, muss auch eine Partnerschaft oder eine Affäre einfach am besten zu den vorhandenen Bedürfnissen passen. Muss das Stück chique sein oder bequem zum chillen?

Was mir bei dieser Fokussierung (oder eher Zerstreuung) fehlt, ist folgendes: vielleicht würde ich ankreuzen, dass mir eine Freundschaft oder eine Liebschaft mit einer Person, die nicht raucht, am liebsten ist, da ich selber Nichtraucherin bin. Aber wenn ein Freund viel raucht und ich diese Eigenschaft an ihm mag, dann ist das eben für mich ein Zeichen von Zuneigung oder Liebe. Imre Hofmann wies in unserem Buch „Die andere Beziehung“ darauf hin, dass ich durchaus eine Person als Ganzes lieben kann, ohne ihre Marotten zwingend auch lieben zu müssen. Das ist natürlich wahr. Und doch vermischen sich für mich die beiden ein wenig. Brisant wird diese Frage, wenn es darum geht, ob Leute etwa eine polyamore Lebensweise bevorzugen oder nicht. Hier scheiden sich die Geister: die einen lassen sich nur auf Menschen ein, die diesbezüglich quasi passen, andere schauen immer wieder aufs Neue, wie das Beziehungsleben denn gerade aussieht und identifizieren sich mit keinen bestimmten Vorlieben. (Vielleicht vergleichbar mit Leuten, die sich als bisexuell sehen und anderen, die sich ganz klar mit Hetero- oder Homosexualität identifizieren und alle anderen Möglichkeiten auch zukünftig für sich ausschliessen können und wollen).

Eigentlich ist doch mit dieser Suche nach dem grossen Match eine ebenso grosse Hoffnung verknüpft, nämlich ein Glücksbild, das projiziert wird. Und das lenkt davon ab, dass die Welt, die uns begegnet, eine Spiegelung ist von dem, was sich in unserem Inneren abspielt. Wer kennt das nicht: fühlen wir uns glücklich, spiegelt sich das auch in den Begegnungen, selbst der graue Himmel kann uns nichts anhaben. Sind wir deprimiert, nützt auch ein blauer Himmel wenig. Fühlen wir uns einsam, scheint alles still zu stehen. Also macht es wenig Sinn, im Aussen nach einem oder mehreren Supertreffern zu suchen. Alle Tage geschieht Unvorhersehbares: Begegnungen, Stille, innere Unruhe, dann wieder ein Glücksgefühl, das einfach auftaucht, wir wissen nicht woher. Wir müssen nichts nachjagen! Vielleicht ist es das, was uns Veit Lindau sagen möchte, in seinem Buch: „Heirate dich selbst!“. Seine Grundüberlegung finde ich wichtig und gut, nämlich, dass wir den Frieden vor allem in uns und mit uns selber suchen sollen. In seinen Worten: „Überall hatte er nach dem fehlenden Puzzleteil gesucht, im Sport, im Sex, in der Politik und der Religion. Er hatte oft genug seine Partnerinnen gewechselt, um schliesslich zu kapieren, dass keine Frau ihm geben konnte, was ihm fehlte. Er heulte die Couch seines Therapeuten nass. Er versuchte die Dämonen seiner Kindheit zu erschlagen. (…) Während andere im See badeten und laue Sommernächte durchfeierten, schwitzte er seine Wut auf einem Meditationskissen im buddhistischen Kloster aus. Alles, was er wollte, war die Befreiung von diesem nervigen Ich.“ Das Buch bietet nebst vielen guten Überlegungen auch eine CD.

The match ist insofern stets schon da – ein Streichholz, das brennen kann aber nicht muss: will es entflammen, braucht es aber stets Reibung.

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2 Kommentare zu „The match

  1. Meine liebe Dominique. Danke für deine schrifftlichen gehaltenen Ueberlegungen. // Eine Randbemerkung. Was ich mit Menschen erfahre, die bei mir den Couch nass heulen, ist die Frage des MANGELS an Begegnungsräumen. Seit wir uns nicht mehr vor „der Sonntagskirche“ (es gab viele Varianten davon) treffen können, wo das Ansprechen mölglich war, nicht verpönt, weil von der Gemeinschaft autorisiert, fehlt es den Menschen diesen Raum des Ansprechens. Ich bin immer wieder von der Frage berührt: „Wo treffe ich jemanden?“. Für mich ist diese Frage sehr ernst geworden. Antwort habe ich nur ansatzweise. Herzlich

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    1. Danke für deine Überlegungen! Veit Lindaus Zitat kann man generell hinterfragen, mir gefiel die Anspielung auf das Bedürfnis einer Ich-Entlastung. Aber dieses Bedürfnis kann man ja auch ernst nehmen, denn es ist wohl menschlich. Und wie du richtig sagst, braucht es Begegnungsräume, die über oberflächliches Blabla hinausgehen. Wenn das auf der Couch gelingt: schön! Für mich sind Philosophische Cafés eine weitere Möglichkeit eines ernsthaften tiefen Austausches, der aus meiner Sicht nicht nur themenbezogen sein muss, sondern durchaus je nach Thema ganz persönlich sein kann. Und gelingende Freundschaften können diesen Charakter auch haben. Leider haben Familienverbände nur selten diese Qualität, aber dort wäre die Einübung natürlich ideal.

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