Romantik hoch x

Wenn ich Beiträge in polyamoren Foren lese, fällt mir immer wieder auf, dass mit der Möglichkeit, mehrfach zu lieben, auch ein unterschwelliger Druck, mehr als eine (Intim-)Beziehung zu führen, wachsen kann. Das Problem liegt auf der Hand: wo man sich doch einen Freiraum oder eine Möglichkeit erkämpft hat, möchte man diese auch füllen und nicht als rein theoretische Angelegenheit verkümmern lassen.

Dazu kommt, dass sich ja derzeit immer mehr Polys zu Wort melden, die ihr Glück zu dritt, zu viert, oder im so genannten Polykül beschreiben. Daneben stehen jene Singles, die gar keine passende Beziehung finden, obwohl sie sich eine oder mehrere wünschen würden, umso isolierter da. Als kürzlich in einem Forum jemand fragte, wie die Anderen denn eigentlich auch nur schon eine einzelne passende Beziehung finden, kamen Ratschläge wie „liebe dich selbst und die Beziehungen werden sich finden“. Aus meiner Sicht sind solche gut gemeinten Ansichten nicht unbedingt hilfreich. Denn: können wir das Mass der Selbstliebe so einfach steuern? Und wird nicht subtil unterstellt, dass es in dem Fall ein selbst verschuldeter Mangel ist, wenn sich eben in einer Phase keine einzige Intimbeziehung ergibt? Ich denke, dass es komplexer ist. Vielleicht gibt es ja Zeiten in unserem Leben, da ein Wunsch oder die Bereitschaft für eine Intimbeziehung zwar da sind und trotzdem begegnen wir niemand Passendem? Oder wir denken, dass wir offen sind für neue Begegnungen, aber eigentlich widerspricht dieser Wunsch anderen inneren Regungen?

Dies führt dazu, dass es die angeblich erfolgreichen Polys gibt, die ihr immenses Glück outen und bei denen sich die Liebe im Überfluss zu zeigen scheint und daneben die Unglücklichen, die eben keinen solchen Erfolg vorweisen können. In einer Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip alles dominiert, wird auch das Beziehungsleben nicht verschont. Ausser wir drehen ganz bewusst den Spiess nochmals um und überlegen, welche guten Seiten ein lahmes (intimes) Beziehungsleben mit sich bringt. Bestimmt könnten hierzu ein paar Singles, die ganz bewusst ein Singleleben wählen und gutheissen, etwas Differenziertes beitragen. Ganz viele Menschen werden (hoffentlich) schon Phasen erlebt haben, in denen keine Intimbeziehung oder keine Paarbeziehung da war und erinnern sich an schöne Momente – mit sich. Denn gerade ohne solche Beziehungen erweitert sich der Raum für das, was sonst schnell mal zu kurz kommt: Freundschaften, Zeit, mit sich allein, die Offenheit und Kapazität, neuen Menschen zu begegnen und eine Verabschiedung von der fixen Vorstellung, nur in der Verwicklung mit Anderen ein Ganzes zu sein, so wie uns Platon im Symposion anhand des Modells der Kugelmenschen weismachen wollte, dass es so etwas wie eine natürlich Anziehung unter Männern, Frauen oder beiden Geschlechtern gebe und wir gezwungenermassen immer in der Verschmelzungssehnsucht verharren müssen. So könnte man kritisieren, dass die Fixierung auf das Mehrfachbeziehungsglück von den Schwachpunkten der Beziehungsliebe insgesamt ablenkt. So ähnlich kritisiert Robert Pfaller provokativ in einem Interview (Tagesanzeiger, 9. Dezember 2017): „Das Problem besteht nicht darin, dass die Linke sich um diese Anliegen (Homophobie etc., Anm. DZ) gekümmert hat. Das Problem ist vielmehr, dass sie sich immer um ein neues dieser Anliegen gekümmert und damit die früheren aufgegeben hat. (…) Und dann redet man noch lieber über Gender und verweist auf die Queers oder die Asexuellen, um überhaupt nicht mehr über die Probleme der Sexualität oder der Institutionen der Liebe sprechen zu müssen.

Wenn man innere Ruhe sucht, wird diese so eher möglich sein, als in mehrfachen ungeklärten polyamourösen Verstrickungen, in denen ständiger Klärungsbedarf herrscht. Hierzu schreibt Kim Eng, die mit Eckhart Tolle zusammen reist und arbeitet: „Solange ich die Vorstellung im Kopf trage, dass ich ‚eine Beziehung habe‘ oder ‚in Beziehungen stehe‘ – ganz gleich mit wem – werde ich leiden. Das habe ich gelernt. Das Beziehungskonzept führt zu Erwartungen. Es aktiviert Erinnerungen an vergangene Beziehungen und ruft persönlich und gesellschaftlich geprägte mentale Vorstellungen auf den Plan, wie eine Beziehung aussehen sollte. Dann werde ich versuchen, die Realität diesen Vorstellungen anzupassen – doch das funktioniert nie. Und schon leide ich wieder. Tatsache ist: Es gibt keine Beziehungen. Es gibt nur den gegenwärtigen Augenblick, und in diesem Augenblick existiert nur das Sich-beziehen. Wie wir uns beziehen oder richtiger, wie wir lieben, hängt davon ab, wie frei wir von Vorstellungen, Konzepten und Erwartungen sind.“

Genau bedacht wäre dann die Vorstellung, dass wir einzelne oder polyamouröse Beziehungen führen oder haben, im Bereich des Illusorischen. Denn es ist eine Vorstellung, die auf der Vergangenheit und Zukunft beruht, ohne die Ungewissheit jeden Moments zu berücksichtigen. Mit klaren Regeln und Transparenz versucht man eine Kontrollierbarkeit in das Unkontrollierbare – das Leben – zu bringen. Im Grunde ist es die Vervielfachung der romantischen Vorstellung, die das Glück noch potenzieren soll. Was natürlich nicht heisst, dass Beziehungen nicht beständig sein können und uns zwischendurch beglücken, egal ob monoamor oder polyamor. Aber ob sie da sind und uns glücklich machen oder nicht, entzieht sich bis zu einem gewissen Grad unserem Dazutun. Wir können uns Mühe geben und uns immer wieder fragen: handle ich liebend oder nicht? Bin ich sorgfältig mit mir oder nicht? Nehme ich das wahr, was da ist oder versuche ich, die Dinge nach eigenem Gutdünken zurechtzubiegen? Das geht in jeder Situation und ist vielleicht immer ähnlich herausfordernd, ganz unabhängig davon, wie gross gerade unser Beziehungsgeflecht ist. So plädiere ich dafür, dass man sich mehr auf diese letztgenannten Fragen konzentriert und weniger darauf, wie viele Intimbeziehungen gerade unser Leben bevölkern.

 

 

Kategorien Allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close