Polyamorie und Care-Gemeinschaften. Einladung im Club Voltaire, Frankfurt 13.10.2017

Der Club Voltaire war übervoll, Jung und Älter besetzten alle Plätze. Vor meiner eigentlichen Lesung aus „Das Mass der Liebe. Plädoyer für ein subversives Nein“, habe ich einleitend ein paar z.t. kritische Überlegungen zu Polyamorie zum Besten gegeben, danach wurde angeregt diskutiert. Hier die Einleitung:

„Unterdessen bin ich nicht nur unkritisch gegenüber dem Trend Polyamorie: einerseits finde ich nach wie vor, dass Besitzansprüche nichts mit Liebesbeziehungen zu tun haben und dass es in den meisten Beziehungen um vieles aber sehr wenig um Liebe geht. Auch halte ich es nach wie vor für einen Grundirrtum, wenn man davon ausgeht, dass Menschen im Grunde oder sogar von Natur aus monogame Lebewesen sind. Beim Konzept Polyamorie sehe ich den Schwachpunkt, dass es kapitalismuskritisch bedacht auch als Verlängerung des Credo gesehen werden kann, dass man alles optimieren und haben kann. Psychologisch muss ausserdem hinterfragt werden, ob Polyamorie aus Bindungs- rsp. Trennungsangst heraus angestrebt wird. Mich enttäuschen die aktuellen Beiträge in den Medien und Foren immer wieder: denn da höre ich unter Polyamourösen viel Dogmatismus, viel Verurteilung der monogamen Beziehungsform und sehr wenig Bereitschaft, auch Polyamorie unter kritischen Gesichtspunkten zu betrachten und zu diskutieren. Aber so ist es mit vielen gesellschaftlichen Entwicklungen und Enttabuisierungen: erst kommt eine Phase der Euphorie, endlich darf man laut sagen, dass man mehrere Menschen liebt. Und das ist schon einmal ein wichtiger Schritt. Irgendwann wird vielleicht noch mehr Ernüchterung aufkommen: denn das Liebesleben als Polyamouröse ist kein bisschen weniger anstrengend und herausfordernd, es ist nicht zwingend erfüllender, aber es kann eine wichtige und lehrreiche Station auf der Suche nach eigener Liebesfähigkeit, Offenheit und Transparenz sein. Ob jemand diesen Weg wählt, sich bewusst für Monogamie, Pansexualität oder Asexualität entscheidet, muss gar nicht bewertet werden. Es gibt so viele Liebesformen und Identitätsentwürfe wie Menschen. Entscheidend ist, ob es überhaupt zu einer Wahl kommen kann, oder unhinterfragt Konventionen, Geschlechterstereotypen und Muster übernommen werden. Mit anderen Worten: wenn Polyamorie als Glückskonzept oder Produkt auf den Markt gebracht wird, finde ich das fragwürdig, wenn die Diskussion aber eine Anregung ist für die Frage, was Liebe überhaupt sein könnte und welche Lebensformen wir bewusst wählen wollen, finde ich das durchaus konstruktiv! Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr halte ich die Liebe für eine Qualität, die wir mehr oder weniger ausdrücken können und das bezieht sich nicht nur und nicht zwingend auf sexuelle Intimbeziehungen sondern auf unser Sein und Handeln als Ganzes. Also auch: wie wir uns Fremden gegenüber verhalten, welche Tierhaltung wir tolerieren, wie wir unseren Abfall entsorgen, was wir unseren Kindern, sofern wir welche haben, mit auf den Weg geben usw.

Ich bin dafür, dass beim Begriff die Amorie wirklich betont wird. Liebe wird sonst vor allem über Sex diskutiert – in der übersexualisierten Gesellschaft geht es ständig um Sex… aber wie Imre Hofmann und ich in „Die andere Beziehung“ zeigen wollten, sollten wir nach einer weiter gefassten Beziehungsethik suchen und uns nicht ständig in Diskussionen rund um den Sex und Verliebtheiten verlieren.“

Lesung: https://youtu.be/w4z6B3uWrCE

 

Kategorien Allgemein

1 Kommentar zu „Polyamorie und Care-Gemeinschaften. Einladung im Club Voltaire, Frankfurt 13.10.2017

  1. gorßartig. Danke für den tollen Text, thorsten

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